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Sonne, Klang und Verantwortung – Elim Chan im Gespräch

© Julia Wesely
Seit ihrem Debüt im Musikverein vor gut drei Jahren hat sich das Rad von Elim Chans weltweiter Karriere rasant weitergedreht. Aus Anlass ihrer Wiederkehr ans Pult des ORF RSO Wien hat Markus Siber mit der temperamentvollen Dirigentin über ihre Arbeit und ihren Alltag gesprochen.

Von Markus Siber

17.03.2026

Lassen Sie uns mit einem Anfang starten: Wie beginnt für Sie ein erfreulicher Tag?
Für mich startet ein guter Tag mit schönem Wetter und ganz viel Sonnenschein. Ideal wäre es, in einer Stadt zu sein, die ich liebe, zum Beispiel in Wien. Dort bei Sonnenschein aufzustehen, Kaffee zu trinken und das zu tun, was ich liebe – nämlich Musik zu machen –, bedeutet für mich pures Glück.

Sie sind viel unterwegs. Wie überbrücken Sie Wartezeiten, zum Beispiel am Flughafen?
Ich bin das, was man einen Bücherwurm nennt. Besonders gerne lese ich Krimis, aber auch Abenteuerromane und Fantasy-Geschichten verschlinge ich am laufenden Band. Gerade am Flughafen ertappe ich mich aber auch immer wieder beim Beobachten von Menschen. Manche beeindrucken mich mit ihrem persönlichen Stil, andere fallen mir auf, weil sie bewegende Augenblicke durchleben – ein Wiedersehen zum Beispiel oder einen Abschied. Solche kleinen, echten Momente des Lebens berühren mich jedes Mal aufs Neue.

Als Dirigentin sind Sie eine Autoritätsperson. Welche Form von Autorität interessiert Sie – und welche lehnen Sie ab?
Am leichtesten ist es, mit dem anzufangen, was ich nicht mag, nämlich Autorität, die auf Angst basiert. Sie kann kurzfristig funktionieren, ist aber nicht nachhaltig. Viel lieber mag ich eine Autorität, die einen kreativen Raum schafft, in dem sich alle sicher fühlen, frei ausprobieren dürfen, Fehler machen können – denn manchmal sind „Fehler“ einfach nur andere Möglichkeiten. Wie oft haben mich Orchester schon positiv überrascht, indem sie mir neue Perspektiven aufgezeigt haben. Dann entsteht ein richtiger Dialog, fast wie ein Tanz.
Natürlich habe ich als Dirigentin den Überblick über die Partitur und gebe Orientierung. Aber die Musiker bringen so viel kollektives Wissen, Erfahrung und Talent mit, dass es viel wirksamer ist, wenn man das gemeinsam entfaltet. Am Ende braucht es eine Vision – und ich schätze es besonders, wenn diese Vision gemeinsam entsteht.

Seit geraumer Zeit beschäftigen Sie sich intensiv mit russischer Musik. Was macht das Faszinosum für Sie aus?
Die Kunst Russlands ist voll von Dramatik – und ich mag diese Art von Dramatik sehr! Die Musik dieses Landes erzählt oft auf sehr anschauliche Weise Geschichten, selbst in rein instrumentalen Werken wie Tschaikowskijs Vierter Symphonie, wo das Schicksal immer wiederkehrt. Auch Komponisten wie Strawinsky und Prokofjew malen Charaktere und Szenen so lebendig, dass sie vor dem inneren Auge schnell Gestalt annehmen. Ich liebe die Bühne, weil sie einen Raum für Vorstellungskraft öffnet – und gerade die russische Musik bietet diese intensive Verbindung von Charakter, Handlung und Emotion auf besonders eindrückliche Weise.

Das Programm, das Sie im April am Pult des ORF RSO Wien dirigieren, beinhaltet neben Schostakowitschs häufiger gespielter 13. Symphonie auch zwei Raritäten. Wie kam es dazu?
Am Beginn der Überlegungen stand die Idee, neben der bemerkenswerten und tiefgründigen 13. Symphonie von Schostakowitsch aus dem Jahr 1962 auch seine verhältnismäßig selten aufgeführte Filmmusik zu „Hamlet“ von 1964 ins Programm zu nehmen – übrigens ein großartiger Streifen. In weiterer Folge galt es, noch ein Stück zu finden, das gut dazwischen passt, wobei sowohl der Erzählbogen des Abends als auch die Besetzung zu berücksichtigen waren. Ein guter Freund schlug mir Berlioz’ „Tristia“ aus dem Jahr 1852 vor, das ebenfalls auf Shakespeares „Hamlet“ Bezug nimmt. Und so verbindet dieses wunderbare, sehr emotionsgeladene Werk auf überraschende Weise die beiden Schostakowitsch-Stücke.
Dem Chor kommt in diesem Programm eine tragende Rolle zu. In Berlioz’ mitreißendem Klanggemälde stehen die Texte über Tod und Trauer im Mittelpunkt und bereiten die Bühne für jene Themen, die später in Schostakowitschs 13. Symphonie aufgegriffen werden – einem Werk, das auf eindringliche Weise der nationalsozialistischen Massenhinrichtung von über 33.000 Juden vor den Toren Kiews im Jahr 1941 gedenkt. Ohne die Worte, bei Schostakowitsch in Form des Gedichtes von Jewgeni Jewtuschenko, würde vieles fehlen, reine Musik reicht da nicht aus. Gerade in Zeiten, in denen Worte verboten werden oder verdreht interpretiert werden, zeigt sich die Kraft gesungener Texte. Sie machen Schrecken, Unterdrückung und Trauer unmittelbar hörbar. Bemerkenswert ist, dass Schostakowitsch mit diesem Werk zum ersten Mal seine Regimekritik offen äußerte, anstatt sie wie zuvor nur anzudeuten.

© Julia Wesely
© Julia Wesely

Schostakowitschs 13. Symphonie, „Babij Jar“, ist ein besonders beklemmendes Werk. Würden Sie sagen, dass man es anders dirigiert als eine normale Symphonie?
Ja, keine Frage. Gerade jetzt, in Anbetracht der Weltlage und der Kriege, gewinnt dieses Werk noch mehr Dringlichkeit. Schostakowitsch zeigt, dass Krieg keine Gewinner kennt, sondern nur Verluste und Zerstörung. Die Symphonie ist mehr als nur Klang: Sie trägt eine tiefe Bedeutung in sich – und warnt uns vor den Gefahren, die entstehen, wenn wir nicht bereit sind, die Lehren aus der jüngsten Geschichte zu ziehen. Ich habe das Gefühl, dass ich in diesem Fall die Überbringerin dieser Warnung bin – im Sinn der Verantwortung, die Künstlerinnen und Künstler gegenüber der Gesellschaft tragen.
Wenn ich die Symphonie dirigiere, muss ich versuchen, all dies widerzuspiegeln. Manchmal dürfen Momente nicht einfach „schön“ klingen; hier müssen die Leere, die Spannung und die Brutalität spürbar sein. Selbst für Menschen, die solche Zeiten nicht selbst erlebt haben, muss Schostakowitschs Absicht vermittelt werden: die rohe Realität, die Unmittelbarkeit, das Drama und der schmerzliche Verlust. Da ist kein Platz für Beschönigung oder das Ego einer Dirigentin. Schostakowitschs Partitur spricht für sich selbst, und es ist meine Aufgabe, dies zu würdigen und dem, was da ist, zur Gänze zu dienen.

Sie haben sich ja bislang vor allem als Konzertdirigentin einen Namen gemacht, interessieren sich aber auch zunehmend für Oper. Was fasziniert Sie daran am meisten?
Das liegt, neben meinem Interesse an Dramatik, vor allem an der menschlichen Stimme. Stimmen geben der Musik eine menschliche Dimension und eine unmittelbare Ausdruckskraft und heben sie somit auf ein höheres Level – sie bringen die menschliche und emotionale Tiefe, die mich immer wieder aufs Neue fasziniert.

Dirigieren ist körperlich und geistig sehr anspruchsvoll. Verraten Sie uns Ihr persönliches Fitnessprogramm?
Fitness ist in diesem Beruf essenziell, denn das Dirigieren fordert den ganzen Körper – dazu kommen Reisen, hektische Tagesabläufe und verpasste Mahlzeiten. Sport, besonders Boxen, hilft mir, Haltung, Energie und Präsenz zu bewahren – alles Faktoren, die wiederum den Klang beeinflussen. Fitness bedeutet also für mich nicht nur Gesundheit, sondern ist direkt verbunden mit der Musik, dem künstlerischen Ausdruck und allem, was auf der Bühne passiert.

Was bleibt für Sie von einem Konzert, wenn der letzte Ton verklungen ist? Denken Sie im Nachhinein noch darüber nach?
Früher habe ich jeden Moment analysiert: Was lief gut, was nicht? Heute ist es anders. Ich konzentriere mich auf den Moment, gebe im Konzert alles und vertraue darauf, dass die Arbeit in den Proben ausgereicht hat. Wenn ein kleiner Fehler passiert, bedeutet das nicht das Ende der Welt. Wichtig ist, dass das Publikum ein Erlebnis mitnimmt, nicht dass jeder Ton perfekt ist. Sobald der letzte Ton verklingt, kann ich loslassen, zufrieden sein und dem Moment seinen eigenen Raum lassen.

Samstag, 11. April 2026

ORF RSO Wien
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Elim Chan
I Dirigentin
Alexander Vinogradov I Bass

Dmitrij Schostakowitsch
Hamlet, op. 116; Auszüge aus der Filmmusik

Hector Berlioz
Tristia, op. 18

Dmitrij Schostakowitsch
Symphonie Nr. 13, op. 113, „Babij Jar“

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