„Ich bin nicht mehr da, ich bin.“ Anmerkungen zum gegenwärtigen Schaffen — Elfriede Jelineks
Von Claus Philipp
28.09.2026
„Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.“ – In einer am Rande der Realsatire balancierenden Polemik hat der französische Psychoanalytiker Pierre Bayard beschrieben, wie sehr sich heute auch in der Kultur eine Tendenz verselbständigt hat, wonach alles von allen beurteilt, gepriesen und im Fall der Fälle auch verworfen werden kann. Man muss die Bücher gar nicht mehr gelesen haben, wenn man über Autor:innen oder Texte redet, weil sie … im Gespräch sind. Um dabei bestehen zu können, empfiehlt Bayard „Haltungen“: „sich nicht schämen“, „sich durchsetzen“, „Bücher erfinden“ oder einfach „von sich sprechen“.
Was wird von Elfriede Jelinek gelesen? Wie wird über ihre Arbeit gesprochen? Ihre Theater- und Prosatexte zählen spätestens seit der Verleihung des Literaturnobelpreises 2004 zum Kultur- und Bildungskanon. Gleichzeitig ist sie seit jeher „umstritten“, wobei die Kritiker:innen sich mit Schlagworten – „Feminismus“, „Rechtspopulismus“, „Gewalt“, „Religion“ – bevorzugt selbst erklären. Die Dichterin wird herbeizitiert, nicht wirklich gelesen, was sich oft darin erschöpft, legendäre Kontroversen rund um Jelinek-„Klassiker“ wie das „Sportstück“ oder die Romane „Die Klavierspielerin“ und „Lust“, Revue passieren zu lassen. Der Roman „Die Kinder der Toten“, den Elfriede Jelinek ihr „Hauptwerk“ nennt, ist dagegen immer noch kaum bekannt. Und es bleibt ein Treppenwitz der Literatur- und Theatergeschichte, dass die massive Fehde rund um das Stück „Burgtheater“ 1986 eskalierte, obwohl niemand das Stück gelesen hatte.
Wie heißt es in Österreich so schön: Viel Feind’, viel Ehr’. Elfriede Jelinek, die seit dem Ende der 1960er Jahre Erfahrung mit Arbeit und Leben am Rande des Betriebs gesammelt hat, hält bis heute auch skeptische Distanz zu Auszeichnungen. Als sie 2024 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich bedacht wurde, hinterfragte sie das Ritual schon im ersten Satz ihrer Dankesrede: „Mit leerem Kopf starre ich derweil auf die Katastrophen der Welt. Wie soll ich da mit einer Schärpe herumwandeln, die sich um meinen Körper biegt.“ Am Ende: „Alles soll belohnt werden, was man danach nicht mehr so genau gewußt haben wird. Wo ist unsre Leistung? Was können wir uns noch leisten?“
Elfriede Jelinek zum Beispiel kann es sich leisten, sich von der Öffentlichkeit abzuschotten und damit zu riskieren, dass vieles von ihrem (mittlerweile zu Goethe’schem Ausmaß angewachsenen) Werk erst über die Jahre und Jahrzehnte hinweg adäquat rezipiert werden wird. Die diesjährige Uraufführung ihres jüngsten Theaterstücks „Unter Tieren“ in Kooperation von Salzburger Festspielen und Burgtheater vermittelte eine Ahnung davon, was das bedeuten könnte. Im „Standard“ schrieb Bert Rebhandl zu diesem Prosagedicht über Geldbewegungen und ausgebeutete Kreaturen: Jelinek „verleiht einem System eine Stimme von unten. (…) Auf ihre Vermischungen sind wir mehr denn je angewiesen.“
Viele andere Arbeiten gerade aus dem jüngeren Schaffen Jelineks harren noch der vertiefenden und vertieften Auseinandersetzung, selbst und gerade in Österreich: „Am Königsweg“ (2017) etwa, eine meisterliche Farce zu Donald Trump und dem US-amerikanischen Populismus, wurde nach einer Premiere im St. Pöltener Landestheater von den großen Wiener Theaterinstitutionen bis dato ignoriert. „Schwarzwasser“ (2020) und „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen“ (2021), Variationen auf Rechtsruck und Pandemie, Tyrannei und Pest, wurden zwar im Wiener Akademietheater, dort letztlich aber viel zu selten gespielt. „Ein Übertritt“, Elfriede Jelineks Text zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im vergangenen Jahr auf ihrer Website elfriedejelinek.com publiziert, wurde hierzulande gar nicht erst wahrgenommen. Heuer feiert er in Düsseldorf, inszeniert von Jossi Wieler, Premiere.

“Bei Olga Neuwirth steigt man in Wirklichkeit immer aus, wenn man gerade geglaubt hat, eingestiegen zu sein.” Elfriede Jelinek über ihre langjährige Freundin Olga Neuwirth
Apropos Website: Elfriede Jelinek kann es sich auch leisten, regelmäßig hochpersönliche Texte einfach nur ins Netz zu stellen. „Ich möchte nicht das Gefühl haben, sozusagen ,für die Ewigkeit‘ zu schreiben“, sagte sie einmal im Umfeld der Nobelpreisverleihung. „Die Flüchtigkeit des Internets hat mich daher sehr fasziniert. Ich habe auf meiner Homepage eine Rubrik namens ,Notizen‘ eingerichtet, in der ich versuche, die Flüchtigkeit des Aufschreibens von Dingen einzufangen, ähnlich wie bei E-Mails. Einerseits hält es aktuelle Ereignisse fest, andererseits ist es nicht in Stein gemeißelt. Es ist eher wie etwas, das man mit dem Finger in nassen Sand schreibt. Man kann es jederzeit entfernen.“
„Wenn man über Elfriede Jelinek schreibt, muss man die Phrasen umschiffen, wie ein Wildwasserkanute die Torstäbe“, schrieb schon 2022 die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer. „Man muss die Rede von der musikalischen Sprache vermeiden und sich dem Strom aus Nestbeschmutzertum und unermüdlichem Kämpfen gegen die politischen Verhältnisse entziehen, der selbst in spezialisiertesten Forschungstexten auf- und abgebetet wird wie der Katechismus. Nicht etwa, weil es nicht wahr wäre, was da gesagt wird. Vielmehr, weil es von Tausenden schon gesagt wurde und weil man es einem lebendigen Menschen – einem, der noch immer schreibt – schuldig ist, ihn nicht zu einer Floskelsammlung erstarren zu lassen, die sich in den 1990ern verfestigt hat.“
Gegen diese Erstarrungen und Verfestigungen ist die Lektüre jüngerer und jüngster Texte auf elfriedejelinek.com eine beständige Quelle der Inspiration. Ihr letztes großes Geschenk ans Netz, „Be Longing (Geh, Dichterin!)“, entfaltet in vier Kapiteln („Liebe“, „Krieg“, „Kriegsfolgen“, „Alles danach“) so etwas wie mögliche Anläufe zu einer Autobiographie, die Jelinek konventionell gar nicht schreiben würde und könnte. „Belonging“: die Zugehörigkeit. „Be longing“: Sei sehnsüchtig. Hier das Verlangen nach Abgeschiedenheit. Da: das zunehmende Gefühl der Isolation. Das Verlangen einer Frau, die über sich selbst befindet: „Nicht mehr zum Verzehr geeignet.“ Gratwanderungen zwischen Eros und Tod, Underground und Unterwelt, Alltag und erinnerten Beklemmungen eines Kindes in der „heilpädagogischen“ Abteilung des Dr. Hans Asperger. – Wie einige der jüngsten Texte von Elfriede Jelinek in den letzten Jahren ist auch „Be Longing (Geh, Dichterin!)“ Klage nach dem Tod ihres Mannes Gottfried Hüngsberg, schmerzlich-melancholische Rückschau, die sich aber knochentrockene Witze nicht nehmen lässt.
„Be Longing“ wird, gelesen von Josef Hader und Birgit Minichmayr, im breitgefächerten Programm dieser „Musikverein Perspektiven“ einen ebenso wesentlichen Brennpunkt bilden wie die spielerische Auseinandersetzung von Ferdinand Schmatz und Eva Jantschitsch mit Jelineks Internet- und Privatroman „Neid“ (2007), der erst seit 2025 in Buchform verfügbar ist.
Der langjährigen künstlerischen Kollaboration mit Olga Neuwirth wird ein eigener Schwerpunkt gewidmet: Denkbar nah kommt man hier auch der sprachlichen Kompositionstechnik und dem musikalischen Background der studierten Organistin Elfriede Jelinek, die sich in einem Essay über Neuwirth in der Freundin beinahe wiederzuerkennen scheint: „Bei Olga Neuwirth steigt man in Wirklichkeit immer aus, wenn man gerade geglaubt hat, eingestiegen zu sein. Ich kann es nicht anders sagen. Man denkt, man ist drinnen, aber man ist: irgendwo und irgendwie daneben. Man muß nicht laufen, denn es findet ja alles gleichzeitig und im selben Moment statt, also müßte man doch rein können. Dieser Zug fährt einem schon nicht davon, wir haben noch Zeit! Wenn er eh nicht abfährt, können wir uns ja aussuchen, wo und wann wir einsteigen. Aber wir kommen nirgendwohin. Das einzige, das wir bekommen können, in das wir geraten können, ist der sausende Fahrtwind, in dem schon alles gebündelt ist. (…) Unsere Schuld, wenn wir gleichzeitig drinnen und draußen sein wollen, es von innen und von außen sehen und hören, bis uns Hören und Sehen vergehen. Das steht, und das fährt gleichzeitig.“
Und dann, last but not least: eine Uraufführung, von der aus die Arbeit an diesem Programm gewissermaßen ihren Ausgang nahm. Die befreundete Pianistin Marianne Schroeder hatte vor etwa eineinhalb Jahren den alten, jahrzehntelang nicht gespielten, völlig verstimmten, aber alles andere als stimmlosen Steinway-Flügel in Jelineks Haus für sich entdeckt – so, wie sie sich vor ein paar Jahren in den Text „Schatten (Eurydike sagt)“ verliebt hatte. In fortgesetztem An- und Weitertasten improvisierte Schroeder sehr privatim einen Weg zu jener Komposition, die im Goldenen Saal des Musikvereins zur Uraufführung kommen wird: eine Meditation über ein Instrument, das, so Elfriede Jelinek, „mehr liefert als das Bestellte“ und, „obwohl es mehr ist, doch gleichzeitig weniger geworden ist“. Nicht zuletzt: eine Komposition über die Sehnsucht nach dem Geliebten – der hier in Verkehrung des Orpheus-Mythos von Eurydike aus dem Hades zurückgeführt wird. Marianne spielt, Eurydike sagt, Elfriede liest (vom Band): „… ich raffe mich in mir selbst zusammen, raffe mich, die nicht mehr da ist, Schatten zu Schatten, ich bin nicht mehr da, ich bin.“
Das Detailprogramm der “Musikverein Perspektiven: Elfriede Jelinek” finden Sie im Kalendarium und auf unserer Website.