Wählen Sie Ihre Cookie-Einstellungen:

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Sie enthalten Informationen über Ihr Surfverhalten, z. B. Login-Daten, Spracheinstellungen oder Warenkörbe. Cookies helfen dabei, Webseiten nutzerfreundlicher zu machen und personalisierte Inhalte oder Werbung anzuzeigen. Sie können in Ihrem Browser verwalten, welche Cookies gespeichert werden dürfen.

„Es gibt noch so viel Musik, die komponiert werden will!“ — Fokus Francesca Verunelli

© Julia Wesely
Die Italienerin Francesca Verunelli ist in der aktuellen Saison „Komponistin im Fokus“ des Musikvereins. In Zusammenarbeit mit Wien Modern wird ein Querschnitt ihres Werkes zur Aufführung gebracht. Marie-Therese Rudolph hat Francesca Verunelli zum Gespräch getroffen.

Von Marie-Therese Rudolph

12.10.2026

„Die interessantesten Eindrücke meiner Musik bekomme ich von Menschen, die sich nicht als Fachpublikum verstehen. Denn Musik zu erleben ist eine transdisziplinäre Erfahrung, die jedem offensteht“, erzählt die Komponistin Francesca Verunelli mit unüberhörbarer Emotion. Sie selbst sei von ihrer musikalischen Sozialisierung her zum „klassischen Publikum“ herangeführt worden: „Ich habe mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen, dann Violine gelernt und bin später mit meiner Familie und meinen Großeltern zu Konzerten gegangen. Mir ist das Gefühl vertraut, dass das erfahrene Publikum weiß, worauf es achten muss, weil es die Aufnahme dieses und jenes Interpreten kennt usw. Aber genau diese Herangehensweise verschließt den Hörern oft den Zugang zur Musik, weil sie bereits zu wissen vermeinen, was sie hören wollen und sollten. Musik kann immer ein neues Erlebnis sein, wenn man offen ist, sich auf Unbekanntes einzulassen – auf jede Art von Musik!“

Aufgewachsen in einer kleinen toskanischen Stadt am Meer, war es Francesca Verunelli immer schon klar, dass sie Komponistin werden wollte. „Die ersten Jahre habe ich nur für die Schublade geschrieben. Ich konnte mir nicht vorstellen, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen“, erinnert sie sich. Doch ihre Überzeugung und Hingabe zur Musik waren stärker: „Es gibt noch so viel Musik, die komponiert werden will. Es fühlt sich für mich an, als stünde ich erst am Beginn eines unerforschten Kosmos.“
Geboren 1979, studierte Francesca Verunelli zuerst Klavier und bald Komposition in Florenz und Rom. Im Anschluss daran nahm sie am IRCAM Paris an Kompositions- und Computermusikkursen teil. Die elektronische Musik spielt in ihren aktuellen Werken allerdings nur noch selten eine Rolle. Diese Auseinandersetzung war für sie wie ein „Laboratorium des Denkens und ein Ort, an dem ich musikalische Ideen ausprobieren und reflektieren kann. Das Ziel dieses Laboratoriums ist das musikalische Denken selbst, nicht unbedingt ein Musikstück“, erklärt sie.
Für ihre Komposition „Neon“ für Kammerensemble, die am 8. November im Musikverein erklingt, hat Verunelli die Gegensätzlichkeit von künstlichem und natürlichem Licht auf verschiedene Arten auf Phänomene von elektronischer und akustischer Musik übertragen, ganz ohne Elektronik einzusetzen. Sie untersucht darin klangliche Zustände und deren Veränderungen sowie „das Verhältnis zwischen dem Mikroskopischen und dem Makroskopischen – also den fließenden Übergang von der Betrachtung des innersten Zustands des Klangs zu seiner ,äußeren‘ Wahrnehmung, mit anderen Worten, seiner zeitlichen Entfaltung“.

Francesca Verunelli denkt viel über Musik nach, über die Grundlage, aus der ein neues Stück entstehen soll. Sie bezeichnet das als „Vision“, was weniger esoterisch, sondern mehr als Gefühl für das poetische Wesen eines Stücks gemeint ist und das, was es werden wird. „Dann beginne ich eine lange Forschungsreise, um diese Vision zum Leben zu erwecken. Den richtigen Weg zu finden kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, und manchmal fühlt es sich an, als wäre man auf hoher See: Man hat keine Ahnung, wann oder ob man je wieder Land erreichen wird.“
Ausführlich und akribisch setzt sie sich seit vielen Jahren mit mikrotonalen Systemen auseinander. Solche gab es bereits lange vor der Etablierung der heute gebräuchlichen gleichstufig temperierten Stimmung, bei der die Oktave in zwölf gleich große Halbtonschritte unterteilt wird. Francesca Verunelli ist seit ihrem Studium fasziniert von den musikalischen Möglichkeiten abseits dieser Stimmung. „Sie bieten mir ein breites Forschungsfeld, das viel Potenzial für neue harmonische Entwicklungen mit sich bringt.“ „Eigentlich“, so die Komponistin, „bestimmt das gleichstufig temperierte System, wenn man auf die zweitausendjährige Geschichte der Musik blickt, erst den kurzen Zeitraum seit dem 17. Jahrhundert“ – und das nur in der westlichen Welt.
In ihrem Stück „In Margine“, am 9. November vom Ensemble Kontrapunkte interpretiert, deutet Verunelli die Saiten der Instrumente des Streichorchesters als Stimmen, jedoch „ohne ihre instrumentale Identität aufzugeben“. Alle Instrumente sind leicht umgestimmt und damit durch „ein Geflecht reiner Intonationsbeziehungen miteinander verbunden, das mikrotonale Intervalle auslotet, die dem temperierten System fremd sind“. Einmal mehr macht sich die Komponistin auf die Suche nach der „Grenze zwischen Fremdheit und Nähe“ und hinterfragt „unsere Art, Klang wahrzunehmen“.

© Julia Wesely

“Die Stimme ist der Ursprung jeglichen Klangs. Sie ist die erste Vibration, die erste Schwingung im Leben. Ich wollte immer verstehen, was Stimme genau ist.”

Francesca Verunelli versteht ihre kompositorische Arbeit als Ergebnis von Forschungen und Recherchen. Dieses mit Musikerinnen und Musikern zu teilen sei ein entscheidender Moment des menschlichen und künstlerischen Austauschs. Die Beziehung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und emotionalen Erlebnissen spiegelt sich auch in ihrer Ausbildung wider: So hat sie neben ihren künstlerischen Studien an der Université Paris Sciences et Lettres im Bereich Kompositionsforschung promoviert. Seit 2025 unterrichtet sie nun an der Hochschule Luzern Theorie und Komposition. Ihre Arbeit wurde 2020 mit dem Förderpreis Komposition der Ernst von Siemens Musikstiftung gewürdigt, 2022 erhielt sie den renommierten 41. Abbiati-Preis der italienischen Musikkritiker. 2024 stand ihre Musik im Zentrum der Wittener Tage für neue Kammermusik, im Sommer 2026 widmeten ihr die Salzburger Festspiele ein Porträt an zwei Konzertabenden.
Was ist es nun also, das Francesca Verunelli an Musik besonders berührt? Sie denkt lange nach, meint, dass sie diese Frage nur sehr schwer beantworten könne, denn es sei manchmal nur ein kleines Detail, das könne etwas Poetisches sein oder etwas Kräftiges. Doch dann hat sie die Antwort gefunden: „Es muss ein tiefgehendes, intensives Hörerlebnis sein, das etwas in mir auslöst.“ Und sie führt aus: „Es lässt sich nicht auf die bloße Summe gut gestalteter technischer Ebenen reduzieren; ein Ganzes ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile.“ Dieses schwer fassbare „Etwas mehr“ ist für sie nicht weniger als das Wesen der Kunst.
Auch wenn Francesca Verunelli relativ spät zur menschlichen Stimme als Instrument gefunden hat, so hat diese doch eine besondere Bedeutung für sie: „Die Stimme ist der Ursprung jeglichen Klangs. Sie ist die erste Vibration, die erste Schwingung im Leben. Ich wollte immer verstehen, was Stimme genau ist.“ Zwischen der urtümlichen, alltäglich gebrauchten Stimme und der ausgebildeten Gesangsstimme liege „eine ganze Welt“, die Verunelli unter anderem in ihrem dreiteiligen Zyklus „La nuda voce“ („Die nackte Stimme“) erforscht. Beim Konzert des Klangforum Wien am 15. November im Großen Musikvereinssaal wird dieser zur Gänze aufgeführt, Teile daraus waren bereits im Herbst 2025 zu hören. Verunelli präsentiert darin die Stimme als politische Dimension der menschlichen Existenz und verbindet sie mit der Idee der Zugehörigkeit zu einer menschlichen Gemeinschaft, in der jede Stimme gehört wird. „Die gegenwärtige Stimmlosigkeit ist für mich wirklich wichtig. So viele Menschen in unserer Welt sind stimmlos. Wir spüren zwar unsere Stimmen, doch sie sind nutzlos und werden nicht gehört.“
In „La nuda voce“ verwendet sie einen mündlich überlieferten Text aus ihrer Heimat, einer ländlichen Region nahe Florenz. Diese Gedichte wurden von Dichtern verfasst, die weder lesen noch schreiben konnten. Sie waren Mitglieder von Dorfgemeinschaften, wo sie als singende Dichter anerkannt waren. Ihre Lieder über „die Liebe, den Tod, das Glück und die Traurigkeit und über das Zusammensein mit anderen Menschen“ wurden gehört. Francesca Verunelli erkennt darin einen für sie essenziellen Aspekt von Musikerleben: „Gemeinsam Mensch sein, Musik hören, Teil von etwas sein.“ Sie versuche niemals, mit ihrer Musik etwas zu illustrieren. In dem Zyklus geht es Francesca Verunelli um „den winzigen Moment, in dem die Stimme zum Gesang wird“. In „La nuda voce“ vereint sie zudem alle Arten von Stimmen – ausgebildete, wie nicht ausgebildete –, die in ihrer Gemeinsamkeit und im Miteinander erst das Phänomen „Stimme“ für die Komponistin ausmachen. Und sie setzt noch eines drauf: Im dritten und letzten Teil stimmen alle Mitglieder des Instrumentalensembles gemeinsam mit den Sänger:innen ein.

Das Detailprogramm der Konzerte mit Werken von Francesca Verunelli finden Sie im Kalendarium und auf unserer Website.

Weitere Artikel

0%