„Wir sind ein Medium für die Musik“ Jakub Hrůša
Von Markus Siber
14.11.2025
Vielleicht erinnern Sie sich als aufmerksame Musikfreundinnen und Musikfreunde ja noch: Als es im Frühsommer 2023 galt, in Form einer Plakatkampagne nochmals die Vorzüge eines Musikvereinsabonnements auf den Punkt zu bringen, zierte eine Dirigentenhand die Wiener Plakatlandschaft. „Vorteile, die auf der Hand liegen“, lautete die Losung. Der Slogan stand schon länger fest, nur die richtige Bildsprache musste noch gefunden werden. Prägnant und authentisch sollte sie sein, gleichzeitig mit großer Ausdruckskraft. Schnell war die Idee geboren, eine Dirigentenhand ins Zentrum zu rücken. Die Hoffnungen, auf bestehende Konzertfotos aus dem Musikverein zurückgreifen zu können, zerstreuten sich jedoch bald, da darauf naturgemäß meistens die Gesichter im Fokus stehen. Neue Fotos waren also das Gebot der Stunde. Der Zufall wollte es, dass Jakub Hrůša gerade mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein probte. Der Vielbeschäftigte stimmte spontan zu, dass bei den bevorstehenden Konzerten neben den üblichen Fotos auch Bilder entstehen dürfen, die seine Hände in Nahaufnahme zeigen. Die Kampagne nahm ihren Lauf – schon bei seinem nächsten Wien-Besuch streckten sich dem Künstler überall in der Stadt seine eigenen Arme entgegen.
Im Dezember kommt der angesehene Dirigent aus Tschechien, der soeben sein neues Amt als Musikdirektor des Royal Opera House in London angetreten hat, das nächste Mal nach Wien. Ein willkommener Anlass, im „Musikfreunde“-Interview nochmals den Faden aufzunehmen und über die Hand als Werkzeug des Dirigenten zu sprechen. „Um ehrlich zu sein“, sagt er gleich zu Beginn, „ist der Arm viel wichtiger als die Hand. Und überhaupt glaube ich, dass die Gestik des Dirigenten oft überschätzt wird. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als eine Verlängerung des musikalischen Willens. Alles, was man mit Händen oder Armen macht, muss der Musik dienen.“ In gewisser Hinsicht empfinde er die Hände manchmal sogar als störend: „Als Dirigent steht man natürlich im Mittelpunkt eines Konzerts, im besonderen Maße sind die Blicke auf die Hände gerichtet. Aber das, was die Hände machen, sollte nie den Zugang des Publikums zur Musik beinträchtigen oder von der Konzentration ablenken. Als Dirigenten sollten wir immer von Neuem klarstellen, dass wir in erster Linie ein Medium für die Musik sind. Die Aufmerksamkeit sollte also nicht an uns hängenbleiben, sondern ausschließlich der Musik gelten.“
Es geht also gar nicht um die Hand – wie würde er aber, das Wortspiel sei erlaubt, seine Handschrift als Dirigent beschreiben? Es sei schwer, sich selbst zu charakterisieren, so Hrůša. „Beim Dirigieren versuche ich immer, Klarheit und Emotion zu verbinden. Je größer die Klarheit, desto mehr kann und sollte man auch die Emotion zeigen. Wenn also jemand sagen würde, dass ich eine Balance zwischen diesen beiden Qualitäten repräsentiere, also Klarheit und Emotion in einer ausgewogenen Form vereine, dann wäre ich zufrieden.“

Seine steile Karriere zeigt, dass diese Mischung allgemein gut ankommt – auch bei den Wiener Philharmonikern, die ihn nun schon zum wiederholten Male für Abonnementkonzerte ans Pult eingeladen haben. Er ist damit der erste Tscheche nach Rafael Kubelík und Václav Neumann in dieser Rolle. Beide gingen ihm bereits als Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie in Prag voraus, deren Leitung Hrůša ab September 2028 innehaben wird.
Die Konzerte, die Hrůša in den nächsten Monaten im Musikverein dirigieren wird, führen ihn zu seinen musikalischen Wurzeln. Das Dezember-Programm mit den Wiener Philharmonikern vereint Werke von Janáček, Dvořák, Bartók und Kodály. „Es sind vier Komponisten aus einem gemeinsamen Kulturraum, eng miteinander verbunden, aber dennoch sehr unterschiedlich: zwei Tschechen, zwei Ungarn, Zeitgenossen, wenn auch unterschiedlicher Generationen. Dvořák und Kodály verkörpern gewissenmaßen die Tradition, Bartók und Janáček das radikal Modernistische. Selten fügt sich eine solche Auswahl so stimmig zusammen.“
Mit Janáčeks symphonischer Rhapsodie „Taras Bulba“, die unter anderem zu hören sein wird, hatte Hrůša schon im Musikverein debütiert, 2014 war’s, als er an der Spitze des ORF RSO Wien mit Werken von Miloslav Kabeláč, Martinů und Janáček ein für ihn ebenfalls typisches Programm dirigierte. Seitdem hat er das packende Stück schon oft dirigiert: „Mit jeder Aufführung taucht man tiefer ein. Selbst nach Auftritten mit den besten Orchestern der Welt entdeckt man immer neue Möglichkeiten, die man in der nächsten Aufführung dann unbedingt umsetzen möchte. Besonders stark war für mich die letzte Aufführung mit der Tschechischen Philharmonie: Da kamen wir dem Ideal, wie Janáček gespielt werden sollte, sehr nahe.“
Im März kommt Hrůša für zwei Konzerte mit den Bamberger Symphonikern nach Wien, die er seit bald zehn Jahren als Chefdirigent leitet. Beide Programme spiegeln auf unterschiedliche Weise seine tschechische Herkunft wider. Am ersten Abend erklingt neben Dvořáks Violoncellokonzert und Martinůs Zweiter Symphonie die „Suita rustica“ von Vítězslava Kaprálová – einer hochbegabten, 1940 im Alter von nur 25 Jahren verstorbenen Komponistin, die auch als erste Dirigentin am Pult der Tschechischen Philharmonie in die Geschichte einging. „Ich finde, dieses Programm – ähnlich wie jenes mit den Philharmonikern – bietet eine wunderbare Verbindung von Verwandtschaft und Kontrast. Und natürlich freue ich mich auf die erneute Zusammenarbeit mit der Cellistin Julia Hagen, die ich zu jenen Musikerinnen und Musikern der jüngeren Generation zähle, die phänomenal spielen können, sich aber trotzdem Bescheidenheit und Menschlichkeit bewahrt haben.“
Bekenntnishaft ist das letzte der drei Konzerte mit Dvořáks „Stabat Mater“, in dem auch der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde eine tragende Rolle übernimmt. „Es ist ein sehr persönliches, zutiefst seelenvolles Werk, inspiriert vom Tod mehrerer Kinder des Komponisten. Trotz der Trauer entfaltet es eine erstaunliche Kraft: Fast jeder Satz strahlt Hoffnung, Schönheit und Positivität aus. Gerade diese Authentizität macht es bis heute berührend – ein ambitioniertes Stück, das am Ende vor allem eines vermittelt: das zutiefst Menschliche.“
Und dann, apropos menschlich, am Ende des Gesprächs doch noch eine Frage, die Hrůšas eigene Hände betrifft. Kennt er das Bedürfnis, das gerade in Zeiten gestiegener Digitalität so viele verspüren, mal wieder etwas richtig anzupacken, in die Erde eines Hochbeets zu greifen, Holzbretter zu sägen etc.? „Es wäre übertrieben, mich als Heimwerker zu bezeichnen“, sagt Hrůša, „aber ich bin schon ein sehr haptischer Mensch. Ich bewege mich viel in der Natur, bin aktiv, und gerade in der Zeit der Covid-Pandemie habe ich stark gespürt, wie wichtig der direkte Kontakt zu anderen Menschen ist – sei es die Familie, Freunde oder Menschen, die man unterwegs trifft. Umarmungen, Händeschütteln – für mich sind Hände in diesem Sinne das wichtigste Mittel, um Nähe zu spüren. Das ist auch das, was ich an der Musik mag, die ich mache: Sie ist echt, kein Fake, sie wird mit den Händen an echten Instrumenten produziert.“
Janáček, Dvořák, Bartók und Kodály stammen aus einem gemeinsamen Kulturraum: Selten fügt sich eine Auswahl so stimmig zusammen.
Montag, 8. Dezember 2025
Wiener Philharmoniker
Jakub Hrůša I Dirigent
Zoltán Kodály
Tänze aus Galánta für Orchester
Béla Bartók
Der wunderbare Mandarin. Konzertsuite, op. 19
Antonín Dvořák
Holoubek. Symphonische Dichtung c-Moll, op. 110, „Die Waldtaube“
Leoš Janáček
Taras Bulba. Rhapsodie für Orchester
Mittwoch, 25. März 2026
Bamberger Symphoniker
Jakub Hrůša I Dirigent
Julia Hagen I Violoncello
Antonín Dvořák
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll, op. 104
Vítězslava Kaprálová
Suita rustica, op. 19
Bohuslav Martinů
Symphonie Nr. 2
Donnerstag, 26. März 2026
Bamberger Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Jakub Hrůša I Dirigent
Kateřina Kněžíková I Sopran
Jarmila Vantuchová I Alt
Daniel Matoušek I Tenor
Jan Hnyk I Bass
Antonín Dvořák
Stabat Mater, op. 58