Die Wiener Symphoniker im Musikverein: Festkonzert zum 125. Geburtstag
Von Johannes Prominczel
10.09.2025
Der Bedarf an qualitativ hochwertiger Orchestermusik führte 1899 in Wien zur Gründung des Neuen Philharmonischen Orchesters. An der Gründung beteiligt waren der Wiener Orchesterbund, eine Art Interessenvertretung von Konzertmusikern, sowie der Kapellmeister Karl Stix. Stix hatte übrigens, bevor ihn seine Kapellmeisterlaufbahn bis in die USA führte, am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Klarinette studiert und im Hofopernorchester gespielt.
Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten des Orchesters wurde mit kräftiger Unterstützung von privaten Mäzenen, etwa Gustav Bloch (später Bloch-Bauer) und Jakob Thonet, der Wiener Concertverein gegründet. Dies ermöglichte die Neuerrichtung eines (namensgleichen) Orchesters, „welches auch weiteren Kreisen der musikliebenden Bevölkerung Wiens den Genuß symphonischer Musik ermöglichen“ sollte, wie im Aufruf zum Beitritt zu lesen war. Mitbegründer und für knapp 25 Jahre Leiter des Concertvereins war Ferdinand Löwe, ein weiterer Absolvent des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde. Er war der Gesellschaft vielfach verbunden: Zuerst stand er der Chorschule des Singvereins vor, dann übernahm er die Leitung der Gesellschaftskonzerte. Löwe zeichnete nicht nur für künstlerische Belange des neuen Orchesters verantwortlich, er prägte es auch durch den Stellenwert, den er dem zumaß, was wir heute „kulturelle Teilhabe“ nennen: Er pflegte einen volksbildnerischen Ansatz, der einer breiten Öffentlichkeit Zugang zu Konzerten und zu hochwertiger Musik ermöglichen sollte. Diese Idee war damals nicht neu, die Gesellschaft der Musikfreunde veranstaltete immer wieder Konzerte zu populären – im Sinne von vergünstigten – Preisen. Neu war jedoch die Konsequenz, mit der das Orchester dies verfolgte.
Von Beginn an verstand sich das neue Orchester nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Konzerten und den Wiener Philharmonikern. Die Gesellschaft der Musikfreunde begrüßte die Neugründung. Die enge Bindung an den Musikverein äußerte sich bereits in der Gründungsphase, als die Beitrittserklärungen für den Concertverein in der Kanzlei der Gesellschaft der Musikfreunde entgegengenommen wurden. Mit Eusebius Mandyczewski gehörte der Archivdirektor der Musikfreunde dem Gründungskomitee und dem Gründungsvorstand des Vereins an. Zudem unterstützte die Gesellschaft der Musikfreunde die Gründung auch finanziell und verpflichtete im Gegenzug Musiker des Concertvereins, bei den Gesellschaftskonzerten mitzuwirken.
Wenig überraschend ist, dass der Musikverein auch zur Heimstätte des Concertvereins wurde. Andere damals bestehende Konzertsäle wie etwa der Bösendorfersaal waren deutlich kleiner. Bereits im Frühjahr 1900 hatte sich der Concertverein gleichsam als Körperschaft konstituiert. Als Concertverein trat das Orchester erstmals am
25. Oktober im Volksgarten auf, am 30. fand dann das Gründungskonzert im Großen Musikvereinssaal statt.
Künstlerisch-musikalisch eng verbunden durch 125 bewegte Jahre: die Wiener Symphoniker und die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
In der Folge setzte das Orchester einerseits auf Symphoniekonzerte und andererseits – ähnlich der Kapelle von Eduard Strauß, die sich just im Winter 1900 auf Tournee in den Vereinigten Staaten befand – auf die Aufführung von bekannten Melodien zur Unterhaltung, von Ausschnitten aus Opern, auch Tanzmusik. Der Concertverein übernahm von der Strauß-Kapelle die Sonntagnachmittagskonzerte im Musikverein und spielte auch regelmäßig im Volksgarten. Während Ferdinand Löwe die Symphoniekonzerte dirigierte, oblag die Leitung im Volksgarten und in den Sonntagnachmittagskonzerten dem renommierten Militärkapellmeister Karl Komzák junior. Das Orchester leistete sich damit von Beginn an den Spagat zwischen großen Orchesterwerken und leichterer Unterhaltungsmusik, eine Idee, die seit einigen Jahren mit Filmmusikkonzerten konsequent fortgeführt wird.

Günstig hochwertige Musik anzubieten war in der Zeit vor Erfindung des Radios besonders wichtig. Die 1905 von David J. Bach gegründeten Arbeiter-Symphoniekonzerte waren ganz im Sinne des Concertvereins, der diese Konzerte bis 1934 gestaltete.
Der Concertverein konnte sich rasch etablieren. Der Erste Weltkrieg war allerdings ein markanter Einschnitt. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation fielen private Mäzene weg, der finanzierende Trägerverein wurde aufgelöst. Nur die Fusion mit dem Wiener Tonkünstlerorchester sicherte vorerst den Fortbestand. Strukturelle Reformen im Orchester führten zu Umbenennungen bzw. Neugründungen: Wiener Sinfonieorchester (1922) und schließlich Wiener Symphoniker (1934).
Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg schlugen sich freilich auch im Konzertbereich nieder und wurden zu einer Art Nagelprobe im Verhältnis zwischen den Wiener Symphonikern und der Gesellschaft der Musikfreunde.
Gleichzeitig war die Gesellschaft der Musikfreunde mitverantwortlich für die künstlerische Blütezeit der Symphoniker. 1950 wollten die Musikfreunde Wilhelm Furtwängler als Dirigent von Bachs „Matthäus-Passion“. Als der Dirigent absagte, wurde Herbert von Karajan engagiert, der gleich mit den Proben begann. Selbst als Furtwängler dann doch dirigieren wollte, blieb es bei Karajan. Das führte zu einem Bruch zwischen Furtwängler und den Musikfreunden. Die Philharmoniker mussten sich zwischen den beiden Dirigenten entscheiden und wählten Furtwängler. Karajan wurde, gleichsam aus Trotz, im Gegenzug inoffizieller Chefdirigent der Symphoniker und prägte das Orchester über Jahre.
Die Wiener Symphoniker waren stets ein Uraufführungsorchester und sind es bis heute geblieben. Wenn auch in einer Bearbeitung Ferdinand Löwes, hob der Concertverein im Großen Musikvereinssaal Anton Bruckners Neunte Symphonie aus der Taufe. Und der Concertverein spielte auch beim sogenannten „Watschenkonzert“, bei dem 1913 Werke von Arnold Schönberg, Anton Webern, Alexander Zemlinsky und anderen im Musikverein für tumultartige Szenen sorgten. Gleich mehrere Kompositionen von Schönberg spielte das Orchester erstmals, etwa 1913 die „Gurre-Lieder“ – jenes monumentale Werk, mit dem Petr Popelka im Herbst 2024 im Musikverein seinen Einstand als Chefdirigent feierte. Die weiteren Komponisten von Uraufführungen der Wiener Symphoniker im Musikverein lesen sich wie ein Who’s who der Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Franz Schreker, Alban Berg, Richard Strauss, Franz Schmidt, Maurice Ravel, Béla Bartók, César Franck, Karol Szymanowski und Erich Wolfgang Korngold bis hin zu Wolfgang Rihm, Thomas Daniel Schlee und Kurt Schwertsik in jüngerer Zeit.
Im Festkonzert anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens zeigen sich die Wiener Symphoniker ihrer Wurzeln bewusst. Auf dem Programm stehen Richard Wagners „Faust-Ouvertüre“, die schon im Gründungskonzert erklang, sowie Werke von Ravel und Berg, die das Orchester zum Teil im Musikverein uraufgeführt hat. Und dass die Wiener Symphoniker das Symphonische zu Recht in ihrem Namen tragen, stellen sie mit der Aufführung von Mozarts „Jupiter-Symphonie“ als Abschluss ihres Festprogramms einmal mehr unter Beweis.
Mittwoch, 29. Oktober 2025
Donnerstag, 30. Oktober 2025
Wiener Symphoniker
Petr Popelka | Dirigent
Anna Vinnitskaya | Klavier
Hanna-Elisabeth Müller | Sopran
Festkonzert
125 Jahre Wiener Symphoniker
Richard Wagner
„Eine Faust-Ouvertüre“ d-Moll
Maurice Ravel
Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester D-Dur
Alban Berg
Sieben frühe Lieder
Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie C-Dur, KV 551, „Jupiter-Symphonie“