Eine Königin für alle Fälle — Die Orgel des Musikvereins als Solistin
Von Andreas Lachner-Zenker
01.10.2026
Zuerst nichts. Nicht einmal ein Säuseln aus den großen Windladen ist zu vernehmen. Doch dann – plötzlich – hoch oben schwebend, als käme er direkt aus der prachtvollen Decke des Großen Musikvereinssaals, hauchzart ein Flötenton, sanft, aber präsent. Gemeinsam mit den visuellen Eindrücken des wohl weltweit schönsten Konzertsaals mit seiner exzellenten Akustik und dem dominierenden Orgelprospekt lässt man sich verzaubern: die ornamentierenden Flötenstimmen, die sehr präsenten Prinzipale, die weichen Geigenstimmen, das imposante Donnern des vollen Orgelwerks mit seinen Trompeten und Posaunen – die variantenreichen Klänge der Orgel im Großen Musikvereinssaal sind mit Sicherheit ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Möglich ist das auch durch den Umstand, dass die Orgel kein Dach aufweist und der Klang sich unmittelbar über die reich gestaltete Decke ausbreiten und die perfekte Akustik des Saals voll ausnutzen kann.
Das von der Firma Rieger Orgelbau errichtete Instrument mit seinen vier Manualen erklang, sozusagen als Auftakt zur 200-Jahr-Feier der 1812 gegründeten Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, erstmals im März 2011. „Es ist ein wirklich besonderes Instrument“, weiß Martin Haselböck, der Mitglied jenes internationalen Expert:innenkomitees war, das die Gesellschaft der Musikfreunde für die Erarbeitung eines Konzepts für eine zeitgemäße, als Orchester- und Soloinstrument gleichermaßen einsetzbare Konzertsaalorgel berufen hatte.
In Wien existieren aktuell nur mehr drei Orgeln in Konzertsälen: neben jener im Musikverein auch eine im Konzerthaus und eine im Großen Sendesaal des ORF-Funkhauses. Das hat durchaus Gründe: „Es ist sehr herausfordernd und komplex, ein Instrument zu konzipieren, das mit den verschiedenen Klangwelten und Dynamiken der Orchester mithalten kann und dann auch noch verschiedene Stile und Epochen musikalisch abbilden soll“, erklärt Martin Haselböck. Gerade diese Vielfalt konnten die drei Vorgänger-Orgeln – obwohl von herausragenden Orgelbauern ihrer Zeit errichtet – nicht auf Dauer erfüllen. „Es ändern sich auch Geschmäcker und Interpretationen. Was heute en vogue ist, kann in zehn, zwanzig Jahren schon wieder veraltet sein“, betont Haselböck. Daher überdauern Orgeln in Kirchen oft Generationen, während manche in Konzertsälen nur wenige Jahrzehnte stehen bleiben.
Die aktuelle Musikvereinsorgel – die vierte in dem 1870 eröffneten Saal – weist eine Fülle an Besonderheiten auf. So lassen sich zum Beispiel drei der vier Manuale während des Spiels mittels sogenannter Schwelljalousien stufenweise in ihrer Lautstärke regulieren. Eine Fülle von klanglichen Nuancen, die aus den verschiedenen Formen und Materialien der Pfeifen resultieren, erlauben es den Organist:innen, sich nunmehr völlig in den Orchesterklang zu integrieren. „Gleichzeitig“, weiß Martin Haselböck, „bleibt die Orgel aber völlig als Soloinstrument bestehen und kann für reine Orgelkonzerte ebenso eingesetzt werden.“
Das Instrument erstreckt sich über eine Höhe von zehn Metern vom Untergehäuse bis zum Dach und weist 86 Registerstimmen, also 86 verschiedene Klangfarben auf, davon 21 Zungenstimmen, wo der Ton mithilfe eines schwingenden Metallblättchens erzeugt wird. Die Orgel kann rein mechanisch gespielt werden oder mithilfe der Elektrik. Lediglich bei der Auswahl der Register wird man beständig durch die Elektrik/Elektronik unterstützt. „Das ermöglicht zum einen ein Spielen direkt am Instrument am Hauptspieltisch und zum anderen auch das Musizieren auf einem transportablen Spieltisch, sodass man mitten im Orchester sitzend die Orgel spielen kann.“ Zwei Register sind übrigens noch von der ersten Orgel von Friedrich Ladegast erhalten geblieben. Selbiges gilt für die sichtbaren, aber nicht klingenden Pfeifen des Orgelprospekts.


“Es ist wirklich ein besonderes Instrument.” Martin Haselböck über die Vielseitigkeit der Orgel im Großen Musikvereinssaal
Zuletzt kam die Orgel im Großen Musikvereinssaal vornehmlich als Orchesterinstrument zum Einsatz. Künftig soll sie auch verstärkt wieder solistisch erklingen – in der Saison 2026/27 in Orgelkonzerten im Rahmen der „Musikverein Perspektiven: Elfriede Jelinek“ und des neuen Abonnements „Konzerte um 12“, wie auch in zwei Konzerten des Orchesters Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck.
Ein besonderes Novum im Musikvereinsprogramm ist die von Martin Haselböck kuratierte Reihe „Orgelnachklänge“ – kurzweilige 15-Minuten-Konzerte, die jeweils anschließend an große Orchesterkonzerte stattfinden. „Früher“, so Haselböck, „war es üblich, dass vor den großen Orchesterkonzerten ein Orgelstück gespielt wurde. Das haben wir zum Anlass genommen, jetzt für Aufführungen nach Orchesterkonzerten, Orgelstücke auszuwählen, die zu Stimmung und Charakter der vorangegangenen Werke passen.“
Die neue Reihe der Orgelnachklänge startet am 5. und 6. Dezember mit Davide Mariano, Orgelprofessor aus Udine, und drei Sätzen aus der Orgelsymphonie Nr. 3 von Louis Vierne. Am 22. Februar 2027 ist dann die Professorin für Orgel der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, Zita Nauratyill, mit der Interpretation von Franz Schmidts Choralvorspiel „O, wie selig seid ihr doch, ihr Frommen“ und der Toccata C-Dur zu hören.
Beschwingt wird es am 18. März, wenn Kurator Martin Haselböck selbst neben der Tanz-Toccata von Anton Heiller auch „Joies“ aus den Trois Danses von Jehan Alain intonieren wird. Der 2001 geborene Niederländer und ehemalige Haselböck-Schüler Alexander de Bie ist dann am 12. und 13. Mai zu Gast und spielt eine Suite aus Werken von Erich Wolfgang Korngold. „Korngold war während der Zeit des Austrofaschismus in Hollywood und hat dort im großen Stil die noch junge Filmmusik verändert“, so Haselböck. In den USA hat die Begleitung – auch durch Orgeln – bei Filmvorführungen oder Sportereignissen noch große Tradition. Laut Haselböck verfügen noch mehr als 1.000 Kinosäle in den USA sowie nahezu jedes größere Football- oder Eishockey-Stadion über Orgeln.
Klassisch geht die erste Saison der „Orgelnachklänge“ am 22. Juni zu Ende, wenn Jeremy Joseph, Professor für Orgel an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Es-Dur, BWV 552, zum Klingen bringt.
Sonntag, 1. November 2026
Orchester Wiener Akademie
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Martin Haselböck | Dirigent
Balázs Szabó | Orgel
Sophie Junker | Sopran
Gwilym Bowen | Tenor
Georg Friedrich Händel
Konzert für Orgel und Orchester B-Dur, HWV 306
Eternal Source of Light Divine. Arie aus der „Ode for the Birthday of Queen Anne“, HWV 74
Let the Bright Seraphim. Arie aus dem Oratorium „Samson“, HWV 57
Konzert für Orgel und Orchester F-Dur, HWV 292
Ode for St Cecilia’s Day, HWV 76
Dienstag, 3. November 2026
Angela Metzger | Orgel
Werke von Betsy Jolas, Olivier Messiaen und György Ligeti
Samstag, 5. Dezember 2026
Sonntag, 6. Dezember 2026
Davide Mariano | Orgel
Louis Vierne
Orgelsymphonie Nr. 3 fis-Moll, op. 28 (1., 3. und 5. Satz)