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Musikalische Reise nach Oz – „Der Zauberer von Oz“ als neue Allegretto-Produktion

© Mar Hernández
Probenbesuch im Brahms-Saal: Während die beteiligten Puppen noch auf ihren letzten Schliff warten, nimmt eine schwungvolle Produktion bereits ihren Lauf. Lukas Meschik konnte sich als Erster ein Bild vom neuen Allegretto-Stück machen und nutze die Gelegenheit, mit den beteiligten Künstler:innen zu sprechen.

Von Lukas Meschik

11.01.2026

„Der Zauberer von Oz“ ist ein zeitloser Klassiker und als solcher nie wirklich aus der Mode gekommen. Die Erzählung von Frank L. Baum, ursprünglich erschienen 1900, entwickelte sich zur einflussreichen Fabel über Sein und Schein sowie die Kraft der Freundschaft. Nach berühmten Verfilmungen und Adaptionen für die Bühne ist der Stoff aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken. Mit „Wicked“ – der jüngsten Verfilmung, die auf den Roman zurückgeht – sind Munchkins, Smaragdstadt, böse Hexen und schwindelnde Zauberer abermals in aller Munde. Der Musikverein trifft mit seiner Neuinterpretation der Oz-Geschichte als szenisches Konzert für Kinder also einen Nerv. Das Stück bindet nicht nur die Musiker:innen auf der Bühne ein – auch das junge Publikum muss aktiv mithelfen, Dorothy und ihre Begleiter sicher ans Ziel zu bringen.

Bei den Proben zum in Kooperation mit der Philharmonie Luxembourg entstehenden Stück herrscht eine konzentrierte, dennoch verspielte Atmosphäre. Der besondere Reiz – und die besondere Herausforderung – für die mitwirkenden Musiker:innen besteht darin, dass sie nicht nur ihre Instrumente, sondern auch die entsprechenden Rollen spielen. So kann es schon einmal vorkommen, dass Pianistin Mitra Kotte vom Flügel aufsteht und ihren Arm in ein Löwenfell steckt – um mitzuhelfen, dem Tier Leben einzuhauchen. Das bekannte Dreigespann aus mutlosem Löwen, hirnloser Vogelscheuche und herzlosem Blechmann tritt in Puppengestalt vor uns hin, liebevoll gebaut und inbrünstig gespielt von Suse Wächter. Wobei, das stimmt nur halb, denn beim Blechmann hat man sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen – mehr sei hier aber nicht verraten. Auch Oz, der vermeintlich große Zauberer, ist eine herrlich verzweifelt dreinblickende Puppe. Nur den Part des von einem Sturm ins Zauberland gewirbelten Mädchens Dorothy übernimmt mit der Schauspielerin Lenya Gramß ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Die Mitmusiker Frédéric Alvarado-Dupuy (Klarinette) und Thomas Winalek (Posaune, Euphonium) verharren nie lang auf ihren Plätzen, haben Teil am Geschehen, nehmen sogar ihre Instrumente auseinander und klopfen gemeinsam Rhythmen. Das ist nicht nur lehrreich, weil man etwas über Aufbau und Funktionsweisen der einzelnen Teile lernt, sondern macht auch Lust, selbst zu musizieren. Scherzhaft prophezeit das Team schon, dass einige Kinder nach dem Besuch der Konzerte eine Karriere im Instrumentenbau anstreben werden.

Regie und Stückentwicklung übernimmt Anisha Bondy, für die Komposition der eigens geschaffenen Stücke zeichnet Matthias Werner verantwortlich, Renate Vogg sorgt für Ausstattung und Kostüm. Gemeinsam haben sie die Lust am Experimentieren und den großen Ernst, mit dem diese für Kinder gedachte Inszenierung gestaltet wird. Wichtig bleibt, die jungen Zuseher:innen niemals für dumm zu verkaufen, ihnen viel zuzutrauen – so ist es nur folgerichtig, dass die Geschichte sich teilweise in den Zuschauerraum verlagert und die Kinder selbst Hand anlegen müssen, damit Dorothy den Gelben Pfad beschreiten und das Schloss erreichen kann. Wer sich traut, wer also mutig genug ist, wird eingeladen, dem Löwen ein bisschen etwas von seinem Mut abzugeben. Die gemeinsame Reise wird mit Sicherheit kurzweilig sein und so manche Überraschung bereithalten.

Regie, Komposition und Puppenspiel agieren bei Konzeption und Umsetzung gleichberechtigt, und so inspiriert eines das andere; das Agieren der Figuren zwängt sich nicht in ein von vornherein festgelegtes musikalisches Korsett, manche Stücke werden ihnen regelrecht auf den Leib geschneidert. Suse Wächter schildert im Gespräch das „animistische Prinzip“ hinter Puppenanimation: „Man haucht Dingen Seele ein.“ Die Logik, dass eben Unbelebtes zum Leben erwacht und Dorothys Begleiter nicht von Menschen gespielt werden, erschließt sich einem sofort. Die Puppengestaltung für Kinder dürfe dabei nie zu gruselig sein, nur ein gewisser „Lustschauder“ solle entstehen, etwa beim Auftritt einer Hexe. Aufregend neu ist der Einsatz von Instrumenten, die ebenfalls auf eine Weise „animiert“ und zum Leben erweckt werden – auch ein Euphonium kann eine „Seele“ oder ein „Problem“ haben, das gelöst werden muss.

„Der Zauberer von Oz“ vereint viele Motive, für Regisseurin Bondy liegt ein Hauptaugenmerk auf dem Zusammenhalt der Außenseiterfiguren. Die erlangte Selbstwirksamkeit der Figuren wird zu jener der Kinder, die diese Geschichte vorantreiben. Erwachsene Begleiter wiederum fühlen sich womöglich besonders angesprochen von der Entlarvung lächerlicher Autoritäten – der Zauberer wird sich als Showman und Blender herausstellen, der überhaupt nicht so gut Klavier spielen kann, wie er behauptet; seine Virtuosität ist nur entlehnt. Der dampfplaudernde Zampano dient als Blaupause für all die autokratischen Machthaber, die sich bei genauerer Betrachtung nur als armselige Würstel entpuppen.

Komponist Werner erzählt, dass die engagierten Musiker:innen nicht zuletzt danach ausgewählt wurden, ob sie denn willens und fähig sind, die Komfortzone zu verlassen und ihr schauspielerisches Talent einzusetzen – bei den Proben legen sie sich mit großer Lust ins Zeug und genießen es sichtlich, den Instrumenten in wohldosierter Zweckentfremdung neue Töne zu entlocken und sich vielleicht sogar ein bisschen zum Affen zu machen. Bei der Besetzung hatte Werner freie Hand, vom ursprünglichen Plan, ein klassisches Klaviertrio einzusetzen, kam er zugunsten einer ungewöhnlicheren Besetzung ab. Er schätzt den „warmen Sound“ der gewählten Bläser, der mit dem Klavier gut harmoniere. Ein Teil der Kompositionen orientiere sich an Dorothys Innenleben und ihrer Wahrnehmung der Erlebnisse, ein anderer Teil offenbare abstraktere und fantastische Elemente, die zu den konkret gezeigten Bildern zusätzlich noch weitere im Kopf entstehen lassen würden. Die Musik untermalt eine innere Reise, die Entwicklung eines Kindes, das Abenteuer bestehen und sich in einer unbekannten Welt beweisen, über sich hinauswachsen muss. Teilweise ein wilder Trip durch eine „magische Welt“, für die das Wort „abgespaced“ nur passend erscheint.

© Julia Wesely

Langweilig pädagogisch wird es nicht zugehen im Brahms-Saal des Musikvereins, eine positive Botschaft hat das Mitmach-Konzert aber doch. Für Suse Wächter geht es um Selbstvertrauen und Selbstermächtigung – und die Erkenntnis, dass man all das, was man an sich vermisst, vielleicht immer schon gehabt hat. Der Zauberer von Oz wird den Besuchern am Ende nicht helfen – das übernehmen sie selbst. Für Werner ist ein zentrales Element das Evozieren von Gemeinschaftsgefühl inmitten eines von Krisen gebeutelten Alltags. Bondy bekennt, aus der sehr komplexen Erzählung nur ein Konzentrat erstellt zu haben, das die Kinder mitnimmt auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Musik, bei der sie immer wieder direkt angesprochen werden. Erstaunt begreift man, wie frisch und modern diese Geschichte nach all den Jahren immer noch ist – und träumt insgeheim davon, Instrumentenbauer zu werden.

Samstag, 17. Jänner 2026
Sonntag, 18. Jänner 2026

Frédéric Alvarado-Dupuy I Klarinette
Thomas Winalek I Posaune und Euphonium
Mitra Kotte I Klavier
Suse Wächter I Puppenbau, Puppenspiel, Text
Lenya Gramß I Schauspiel
Anisha Bondy I Regie und Stückentwicklung
Renate Vogg I Ausstattung und Kostüm
Verena Geier I Assistenz

Der Zauberer von Oz
Musik von Matthias Werner
(Uraufführung im Auftrag der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Philharmonie Luxembourg)
Konzert für Publikum ab 6 Jahren

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