Der Klang des Wandels – Wie 45 Orchester in Deutschland Klimabewusstsein schaffen
Von Theresa Steininger
20.02.2026
Was können Vertreter:innen der Klassikbranche tun, um einen positiven Beitrag zum Klimawandel zu leisten? Dieser Frage widmet sich nicht nur der Programmschwerpunkt „Fokus Klima: Zero?“ im Musikverein, sondern auch der deutsche Verein „Orchester des Wandels“. Seit fünf Jahren beschäftigt sich Letzterer damit – in kreativen Konzertformaten, oft in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen, in Naturschutzprojekten oder durch Leitfäden für klimafreundlicheres Leben im Orchesteralltag. Mittlerweile sind 45 Klangkörper aus ganz Deutschland Mitglied in diesem Verein, der auf die Initiative von Musiker:innen der Staatskapelle Berlin zurückgeht.
Im Rahmen des Programmschwerpunkts „Fokus Klima: Zero?“ im Musikverein wird Vorstandsmitglied Katrin Lerchbacher nun Ideen und Ziele der Orchester des Wandels vorstellen. Ein Ansatz ist dabei, die Öffentlichkeitswirksamkeit von Kulturinstitutionen zu nutzen, um auf anderen Wegen als durch den erhobenen Zeigefinger auf das drängende Thema aufmerksam zu machen. Lerchbacher hält dabei die transformative Kraft der Musik für essenziell: „Wenn unsere Mitglieder Konzerte veranstalten, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit Musik verbinden, spricht das die Menschen auf ganz andere Art und Weise an als ein rein wissenschaftlicher Vortrag. Wir inspirieren sie, sich zu öffnen und auf etwas einzulassen, weil Live-Musik Emotionen auslöst. So können wir dazu beitragen, die verhärteten Diskussionsfronten in Bezug auf das Thema Klimaschutz aufzuweichen.“
Mitglieder von „Orchester des Wandels“ suchen für ihre Veranstaltungen auch neue, ungewöhnliche Orte. Sei es, dass im Wattenmeer, im stillgelegten Kraftwerk oder auf einer Kuhweide inmitten der Herde gespielt wird. Seien es gemeinsame Fahrradtouren von Musiker:innen und Publikum mit konzertant-informativen Zwischenstopps, Eröffnungen von Ausstellungen zu verwandten Themen sowie musikalisch gestaltete Führungen durch Biotope oder Botanische Gärten. Die Bandbreite ist riesig und reicht von Orchestern, die Aufführungen großer Symphonien passend zum Thema machen, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenarbeiten und Spenden sammeln, bis hin zu kleinen Ensembles, die sich aus den Orchestern heraus formieren und beispielsweise auf einer Waldlichtung ein Konzert veranstalten. Mehrere Mitgliedsorchester haben außerdem Gregor A. Mayrhofers „Recycling Concerto“ für Schlagwerk aus Müll und Orchester ebenso wie Jochen Hartmann-Hilters Klimawandel-Suite „The Next World“ aufgeführt. „Hier geht es uns auch stark um Vernetzung“, sagt Lerchbacher. „Es ist erstaunlich, welchen Schwung das Ganze kriegt, wenn viele kreative Leute gemeinsam nachdenken.“
Doch in programmatisch abgestimmten Konzerten auf den Klimawandel aufmerksam zu machen ist nur eine von vier Säulen, nach denen „Orchester des Wandels“ vorgeht. Im Vordergrund stehen weiters Überlegungen, wie der Alltag als Musikerin und Musiker selbst klimafreundlicher gestaltet werden kann. Auf der Website findet sich daher nicht nur ein Leitfaden zu nachhaltigem Konzertbetrieb, sondern auch ein weiterer zu „Greentouring“. „Unsere Mitglieder denken einerseits gemeinsam darüber nach, wie sie im täglichen Leben klimafreundlicher agieren können. Das kann ein Zusammenschluss zu Carpools für die Dienstanreise ebenso sein wie eine Reduzierung von Fleisch in der Betriebskantine oder die Überlegung, ob wirklich alle Dienstpläne vielfach auf Papier ausgedruckt werden müssen – es beginnt bei kleinen Dingen. Andererseits gibt es zahlreiche Überlegungen dazu, wie man Tourneen klimafreundlicher gestalten kann“, sagt Lerchbacher. In dem Leitfaden von „Orchester des Wandels“ wird beispielsweise empfohlen, zu prüfen, ob Flugreisen dringend notwendig sind, ob Instrumententransportkisten optimiert oder auch Besetzungen verringert werden können: „Wir wollen keineswegs sagen: ,Verzichtet auf Tourneereisen‘, denn kultureller Austausch hat eine enorme Wichtigkeit“, betont Lerchbacher. „Sehr wohl aber kann man darüber nachdenken, wie man Tourneen so emissionsarm wie möglich gestalten kann, also beispielsweise prüfen, ob Harfen oder Flügel am Ort der Tourneestation in guter Qualität ausgeborgt werden können, ob man die Reiseroute anstatt im Zickzack durch ein Land mit möglichst direkten Wegen planen kann oder ob Ersatzmusiker:innen wirklich gleich mitreisen müssen oder im Bedarfsfall nachgeholt werden können.“ Ihr ist wichtig: „Wir wollen bei diesem Leitfaden – wie in all unseren Tätigkeiten – keineswegs mit erhobenem Zeigefinger agieren, sondern alle ins Nachdenken und Abwägen bringen. Es geht um Anregungen, nicht um Verbote oder Gebote.“


Eine weitere Säule der Arbeit von „Orchester des Wandels“ sind tatsächliche Klima- und Naturschutzprojekte, für die bei Konzerten Geld gesammelt wird, die aber eben auch vom Verein in Zusammenarbeit mit Partnern wie Zoo Zürich, Eben!Holz e.V. und SAVE Brasil initiiert wurden und betreut werden. Dabei geht es einerseits um Wiederaufforstung von Ökosystemen auf Madagaskar und in Brasilien, in denen bedrohte Edelhölzer wachsen, die auch für den Instrumentenbau benötigt werden, andererseits aber auch um die Begleitung und Einbindung der dortigen Bevölkerung.
Lerchbacher fasst zusammen: „Wir können uns als Musiker:innnen dieser vielleicht größten Herausforderung unserer Zeit nicht verschließen, sondern müssen und wollen ins Handeln kommen. Durch alle Aktionen, die von Mitgliedern der 45 in Deutschland teilnehmenden Orchester gemacht werden, haben wir einen großen Ausstrahlungsradius und eine Menge Publikum, das wir sensibilisieren können.“ Denn: „In unserem Verständnis ist Klima-, Arten- und Naturschutz Teil unseres Kulturauftrags.“