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Der gemeinsame Herzschlag: Tugan Sokhiev und die Wiener Philharmoniker

© Marco Borggreve
Vor kurzem erst dirigierte Tugan Sokhiev das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker. An deren Pult ist er zum Saisonbeginn mit zwei höchst unterschiedlichen Programmen zu erleben: im September mit Prokofjews Drittem Klavierkonzert und Martha Argerich am Soloinstrument sowie mit Strawinskys „Petruschka“, im Oktober als Dirigent des Festkonzerts zum 200. Geburtstag von Johann Strauß Sohn.

Von Ulrike Lampert

24.07.2025

Es war 2009 im September, als die Wiener Philharmoniker auf großer Asien-Tournee mit Zubin Mehta für das letzte Konzert in Seoul kurzfristig Ersatz für den Maestro benötigten. Tugan Sokhiev, damals 32 Jahre alt, setzte sich ins Flugzeug, reiste um die halbe Welt und trat erstmals ans philharmonische Pult. „Eine unvergessliche Erfahrung“, fasst er die damaligen Ereignisse in der Rückschau zusammen. „Das Orchester kennenzulernen, seine sagenhafte Musikalität, seinen Klang, ja insgesamt die philharmonische Sprache, die besondere Klangwelt dieses Orchesters. Die Philharmoniker waren sehr freundlich zu mir und großzügig – sie boten mir eine dreistündige Probe vor dem Konzert an. Das Programm war fantastisch: Wir hatten die koreanische Sopranistin Sumi Jo als Solistin und im zweiten Teil die Vierte Symphonie von Brahms.“
Von dieser Asien-Tournee kehrte Tugan Sokhiev mit den Philharmonikern nach Wien zurück und dirigierte, wiederum anstelle von Zubin Mehta, das erste Philharmonische Abonnementkonzert der neuen Saison im Großen Musikvereinssaal. Sein Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien lag da bereits fünf Jahre zurück. Schon 2004 hatte er sich Wiens Musikfreunden am Pult des ORF RSO Wien vorgestellt und eine exzellente Visitenkarte abgegeben. Später führte er dann zwei „seiner“ Orchester in den Musikverein, das Orchestre National du Capitole de Toulouse und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, ebenso auch die Münchner Philharmoniker. Für diese Gastspiele brachte er russische, deutsche und französische Repertoireklassiker mit nach Wien und machte überdies mit großdimensionierten Werken wie Berlioz’ „La Damnation de Faust“ und „Grande Messe des Morts“ oder auch – konzertant – Massenets fünfaktiger Oper „Don Quichotte“ Furore.

„Es fühlte sich nicht an, als säßen die Wiener Philharmoniker vor mir. Da war einfach dieses wunderbare Ensemble von herausragenden Musikern, die Brahms dienen wollten.“

Tugan Sokhiev über seine erste Begegnung mit den Wiener Philharmonikern

Die in Korea unverhofft begründete Zusammenarbeit zwischen Tugan Sokhiev und den Wiener Philharmonikern fand kontinuierliche Fortsetzung, mehrfach an der Wiener Staatsoper, an der er zuletzt im April dieses Jahres die Neuproduktion von „Iolanta“ dirigierte, sowie durch zahlreiche Konzerte im Musikverein und darüber hinaus etwa bei der Salzburger Mozartwoche, beim Lucerne Festival und auf Tourneen durch Europa sowie nach Asien, inklusive Auftritten bei der Wiener-Philharmoniker-Woche in der Suntory Hall Tokio und einer Rückkehr an den Ort der ersten Begegnung. „Die Freundschaft, die uns heute verbindet“, so Tugan Sokhiev, „hat ihren Ursprung 2009 in Seoul. Mir war damals völlig klar, dass es ein ungeheures Privileg war, mit den Wiener Philharmonikern Brahms zu machen. Sie kennen ihn in- und auswendig, haben eine Aufführungstradition, die über Generationen bis in die Zeit zurückreicht, in der Brahms selbst das Orchester dirigiert hat. Aber vom ersten Moment der Probe an war offenkundig, dass sie nichts anderes wollten als ich: dem Komponisten und seinem Werk zu dienen. Es fühlte sich nicht an, als säßen die Wiener Philharmoniker vor mir. Da war einfach dieses wunderbare Ensemble von herausragenden Musikern, die Brahms dienen wollten.“

Wenn Tugan Sokhiev im September im Musikverein nun das nächste Mal den Wiener Philharmonikern begegnet, stehen Prokofjews Drittes Klavierkonzert und Strawinskys „Petruschka“ in der Originalfassung von 1911 auf dem Programm. „Ohne diese beiden Komponisten wäre es ziemlich schwierig, sich die symphonische Musik des
20. Jahrhunderts vorzustellen“, sagt der Dirigent, „weil sie einen immensen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen von Komponisten hatten. Strawinskys ,Petruschka‘ ist so farbenreich und erzählerisch komponiert, dass ich mich frage, weshalb die Ballettmusik öfter im Konzertsaal zu hören ist als im Theater. Ich bin aber überzeugt, dass das Publikum der Handlung folgen kann, auch wenn es keine Ballettchoreographie auf der Bühne sieht. Strawinsky arbeitet mit durchaus konventionellen Mittel und erzielt doch völlig neue Wirkungen.“
Bei den Wiener Philharmonikern erkennt Tugan Sokhiev unter anderem „eine starke Affinität zur russischen Musik und ein umfassendes Verständnis dafür. Auf unserer letzten Asien-Tournee zum Beispiel haben wir Prokofjews Fünfte Symphonie gespielt, für die sie die optimale Verbindung von Virtuosität und Wärme im Klang herstellen. Prokofjews Musik mag sehr perkussiv und rhythmisch sein – sie ist aber auch sehr lyrisch. Schafft man den lyrischen Zugang zu seiner Musik, so ändert sich praktisch schlagartig der Blick auf ihn.“
Ähnlich verhält es sich mit Prokofjews Drittem Klavierkonzert, in dem im Musikverein Martha Argerich, derzeit Künstlerin im Fokus des Musikvereins, den Solopart übernimmt. Mit ihr blickt Tugan Sokhiev auf eine langjährige künstlerische Partnerschaft: „Wir haben dieses Konzert schon vor langer Zeit gemeinsam gemacht. Sie legt es sehr persönlich an, so persönlich, dass man, wenn man die Augen schließt, denken könnte, Prokofjew selbst sitzt am Klavier. Dabei geht es nicht um das rein Pianistische, die Technik, die bei Martha wirklich unglaublich ist, sondern um ihre Art, wie sie Prokofjews Sinn für Humor transportiert, auch den Sarkasmus, dann wieder die Sanftheit, diese lyrischen, ja geradezu lieblichen Melodien – und die Virtuosität. All das hat dieses Stück für die damalige Zeit so frisch, so ungewöhnlich, so modern gemacht, und es verschafft ihm nach wie vor eine ungemein moderne Wirkung mit der harmonischen, der rhythmischen, der strukturellen Sprache, der Form. Und Martha setzt sich einfach hin und spielt es so unglaublich natürlich. Es wird ein wahrer Genuss für uns alle sein, Martha dieses Konzert spielen zu hören.“

Im Oktober wird Tugan Sokhiev dann das Festkonzert zum 200. Geburtstag von Johann Strauß Sohn dirigieren. Die Grundidee war, das Jubiläumsprogramm von vor hundert Jahren aufzugreifen und, wie damals, eine zeitgenössische Komposition Werken von Strauß gegenüberzustellen – 2025 eine von Georg Breinschmid.
Sokhievs Erinnerungen an Strauß’sche Musik reichen weit in die Kindheit zurück: Die Übertragung des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker war stets ein Fixpunkt zum Jahresbeginn. „Seitdem Johann Strauß es mit seiner Kapelle in St. Petersburg zu größerer Bekanntheit gebracht hatte, ebbte die Begeisterung für seine brillante und einfallsreiche Musik nicht mehr ab. Man fragt sich bei Strauß schon, wie eine einzelne Person dermaßen viele Melodien finden konnte, die der Allgemeinheit im Gedächtnis bleiben – jede eigenständig und anders, aufrichtig und charmant.“
Schon bei seinem Debüt mit den Wiener Philharmonikern in Seoul stand auch ein Werk von Johann Strauß auf dem Programm – das Couplet „Mein Herr Marquis“ aus der „Fledermaus“. „Wenn man die Wiener Philharmoniker mit diesem Repertoire dirigiert, merkt man von der ersten Phrase an, wie sehr die Orchestermitglieder diese Musik in der DNA haben. Die Herausforderung für mich wie für jeden Dirigenten ist, gewissermaßen Teil davon zu werden und eigene Facetten und Farben hinzuzufügen – aber immer im Herzschlag dieser Musik und dieses Orchesters. Die Wiener Philharmoniker sind dabei sehr unterstützend, sie verstehen mich als Teil von ihnen. So kommt auch nie das Gefühl auf, sie zu dirigieren. Wir machen gemeinsam Musik.“

Dienstag, 23. September 2025

Wiener Philharmoniker
Tugan Sokhiev | Dirigent
Martha Argerich | Klavier

Sergej Prokofjew
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur, op. 26
Igor Strawinsky
Petruschka (Fassung 1911

Samstag, 25. Oktober 2025
Sonntag, 26. Oktober 2025

Wiener Philharmoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Tugan Sokhiev | Dirigent
Nikola Hillebrand | Sopran
Barbara Laister-Ebner | Zither

Johann Strauß Sohn
Ouvertüre zur Operette „Indigo und die vierzig Räuber“
Künstlerleben. Walzer, op. 316
Lob der Frauen. Polka Mazur, op. 315
G’schichten aus dem Wienerwald. Walzer, op. 325
Wein, Weib und Gesang. Walzer, op. 333
Fest-Quadrille, op. 44
Frühlingsstimmen. Walzer, op. 410
Perpetuum mobile. Musikalischer Scherz, op. 257
An der schönen blauen Donau. Walzer, op. 314
Georg Breinschmid
Schani 200. Hommage an Johann Strauß Sohn

In Kooperation mit Johann Strauss 2025 Wien

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