Der eigene Klang: Lukas Sternath
Von Monika Mertl
27.08.2025
„Ein Sängerknabe am Klavier“ lautete eine Schlagzeile, als Lukas Sternath im September 2022 als strahlender Sieger aus dem ARD-Wettbewerb hervorging; er hatte nicht nur den Ersten Preis gemacht, sondern auch noch sieben Sonderpreise abgeräumt und wurde quasi über Nacht in eine internationale Karriere hineinkatapultiert. Freilich hatte er zu diesem Zeitpunkt schon einen langen, abwechslungsreichen Weg zurückgelegt.
Die Liebe zur Musik begleitet den 2001 geborenen Sohn einer Unternehmerfamilie aus Wien-Währing, seit er denken kann; sie wurde ihm vielleicht sogar buchstäblich in die Wiege gelegt, denn seine Mutter pflegte während der Schwangerschaft häufig Opernvorstellungen zu besuchen, wie er in einem frühen Interview einmal ausplauderte. Die Eltern ließen ihm musikalische Früherziehung zuteilwerden, und als er fünf war, schafften sie ein Klavier für ihn an. Eine Karriere als klassischer Pianist schien sich in diesem Stadium allerdings nicht abzuzeichnen. Das Kind Lukas fand vielmehr Gefallen am Jazz – und dafür war vielleicht der Einfluss des Großvaters verantwortlich, der Klarinette und Saxophon spielte. Man sorgte dafür, dass er Unterricht bei Elias Meiri erhielt, und so absolvierte der Neunjährige seinen ersten öffentlichen Auftritt mit einem Jazzprogramm.
„Meine Eltern haben nie Druck gemacht“, erinnert er sich. „Ich wollte einfach Klavier spielen, und das so perfekt wie möglich.“ Aber dann hörte er am Ende seiner Volksschulzeit das Konzert eines Knabenchors, und das berührte ihn so, dass er sich spontan zur Aufnahmsprüfung bei den Wiener Sängerknaben entschloss. Die folgenden Jahre gaben seinem Talent und seinem Ehrgeiz die entscheidende Richtung: „Ich wäre ansonsten nie so früh an die klassische Musik herangekommen.“ Überhaupt hat ihn die Zeit bei den Wiener Sängerknaben entscheidend geprägt. „In diesem Alter, von elf bis vierzehn, saugt man alles ganz natürlich auf und denkt nicht so viel nach darüber, was man macht“, sagt er. Durch das Singen hat er gelernt, mit dem Atem richtig umzugehen. „Das prägt mich bis zum heutigen Tag“, sagt er, „und auch natürlich die frühe Erfahrung mit den Reisen – einmalig, was man da erleben darf!“
Mit elf brach er zu seiner ersten Amerika-Tournee auf; nach der Rückkehr erwartete ihn zu Hause sein eigener Bösendorfer-Flügel. Er wurde ins Hochbegabtenprogramm an der Wiener Musikuniversität aufgenommen, erhielt Unterricht bei Alma Sauer und Anna Malikova, absolvierte zwischen 2013 und 2015 aber auch mehr als 30 Auftritte als Dritter Knabe in der „Zauberflöte“ an der Staats- und der Volksoper.
Mit dem Stimmbruch rückte naturgemäß das Klavier wieder in den Mittelpunkt. Nach der Unterstufe verließ Lukas Sternath die Sängerknaben, wechselte ans Musikgymnasium Neustiftgasse und konzentrierte sich auf seine pianistische Ausbildung. Sein wichtigster Mentor wurde Igor Levit, bei dem er seit 2022 in Hannover studiert: „Ein wahnsinnig wichtiger Bezugsmensch“, mit dem er mittlerweile auch gemeinsame Auftritte absolviert wie aktuell zur Eröffnung des Schostakowitsch-Schwerpunkts bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mit Schostakowitschs vierhändiger Klavierfassung seiner Zehnten Symphonie.
„Igor hat mir vor allem beigebracht, meinen eigenen Klang nicht nur zu akzeptieren, sondern wirklich zu lieben“, erläutert er. Das habe ihm enorm geholfen, „Vertrauen aufzubauen zu sich und zu dem, was man möchte – im wahrsten Sinne Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein“. Gleichzeitig müsse man das eigene künstlerische Wollen „immer hinterfragen, indem man sich fragt: Was sagt mir der Notentext? Man muss immer vom Notentext ausgehen. Diese beiden Pole wirken zusammen und bilden eine Einheit.“

Seinen plötzlichen Durchbruch beim ARD-Wettbewerb kommentiert Sternath rückblickend gelassen. „Es war wichtig, auf einer internationalen Bühne wahrgenommen zu werden, aber man darf das nicht zu ernst nehmen.
Mit etwas Glück sind da sieben, acht Juroren, die dich mögen – und wenn nicht, dann nicht. Aber es ist wunderbar, was dadurch entstanden ist. Ich weiß nicht, ob ich sonst hier sitzen würde“, meint er bei einem Gespräch im Brahms-Saal des Musikvereins lachend. „Ich durfte viele neue Menschen kennenlernen, neue Orte. Aber was ich mache, ist natürlich im Grund genommen noch immer dasselbe. Und das ist gut so. Ich versuche einfach zu schauen, was auf mich zukommt.“
Zur Teilnahme am ARD-Wettbewerb habe er sich hauptsächlich entschlossen, „weil mich das Repertoire interessiert hat. Ich brauche immer einen konkreten Zeitpunkt, damit ich weiß, bis wann ich etwas lernen muss.“ Wobei er sich bei der Auswahl der Stücke sehr von seiner Intuition leiten lässt. „In bestimmten Lebensabschnitten sprechen bestimmte Komponisten oder Werke zu mir. Ich habe weniger das Gefühl, dass ich die aussuche, sondern die rufen eher nach mir. Ich höre das innerlich dann die ganze Zeit und hab’ dabei so ein Kribbeln in den Fingern – dann weiß ich: Ich muss das jetzt spielen, und versuche, mir die Zeit freizuräumen, um das zu erarbeiten und einzuplanen.“
Entsprechend persönlich und gewissermaßen organisch entwickelt wirkt die Auswahl von Stücken, die Lukas Sternath derzeit im Reisegepäck mit sich führt. Pianistische Herausforderung und inhaltlicher Anspruch halten sich hier eindrucksvoll die Waage. Schumanns selten gespielte „Geistervariationen“ nehmen ebenso einen fixen Platz ein wie Schuberts A-Dur-Sonate und Prokofjews Sonate Nr. 8, die letzte seiner sogenannten Kriegssonaten, die ein Zitat aus Schuberts „Leiermann“ aufgreift. Dazu kommt eine imponierende Auswahl aus dem Œuvre von Franz Liszt, und auch Zeitgenössisches ist fest verankert – mit Sofia Gubaidulians Chaconne und Patricia Kopatchinskajas „Three Pieces for Piano solo“.
Stilistisch breiter gestreut ist Lukas Sternaths aktuelles Repertoire mit Orchesterkonzerten, das neben Mozarts
Nr. 23 und Beethovens Nr. 5 und Nr. 1 auch das Grieg-Konzert sowie Prokofjews Nr. 3 und Rachmaninows Nr. 4 umfasst. Mit Letzterem wird er, im Verein mit den Wiener Symphonikern unter Kazuki Yamada, am 4. Oktober auch seinen Konzertzyklus als „Künstler im Fokus“ des Musikvereins eröffnen.
Lukas Sternaths Klavierspiel ist zweifellos geprägt von seinem tief verankerten Wissen um die Atmung. „Das größte Glück, das wir in der Musik wahrscheinlich haben, ist die menschliche Stimme“, betont er, und widmet sich gern auch der Liedbegleitung und der Kammermusik, „weil man hier gemeinsam atmet, und das sind wahrscheinlich die schönsten Momente“.
Sein Konzertzyklus im Musikverein umfasst folglich auch einen Liederabend mit Sophie Rennert, in dem Schumanns „Dichterliebe“ und Mahlers Rückert-Lieder eine Brahms-Auswahl umrahmen, sowie ein Kammermusikprogramm mit Veronika Eberle und Julia Hagen mit Brahms, Schostakowitsch und Schuberts magischem Es-Dur-Trio. „Bei einem Programm kommt es immer auf eine Balance der Ästhetiken an“, sagt er, „klanglich muss es gut abgemischt sein. Ich hoffe, es ist mir gelungen.“
Mit Mitte zwanzig hat Lukas Sternath den größten Teil seiner Laufbahn noch vor sich. Doch für ihn ist eines klar: Er will seine weitere künstlerische Entwicklung möglichst frei von äußeren Zwängen gestalten: „Mein Beruf erfordert es, zu sagen, was ich in zwei Jahren spielen will. Aber weiß ich, worauf ich in zwei Jahren Lust habe? Ich versuche im Hier und Jetzt zu sein, und schaue, was das Leben mir schenkt.“
Von Ritualen hat er sich inzwischen verabschiedet. „Ich hatte immer wieder Phasen mit Ritualen. Es hat mir in dem Moment wirklich geholfen. Ich bin aber sehr froh, dass ich keine mehr hab’. Es hat mich irgendwie unfrei gemacht, es ist letztlich nur ein Gedankenkonstrukt, das kann man sich sparen. Jetzt fühle ich mich viel freier. Vor einem Konzert möchte ich einfach zur Ruhe kommen, mich in die Stimmung versetzen und mich eingrooven, damit ich mich im Moment wirklich ganz fallen lassen kann. Im besten Fall ist es wie bei einer Meditation: dass man beim Spielen an gar nichts denkt.“
Samstag, 4. Oktober 2025
Sonntag, 5. Oktober 2025
Wiener Symphoniker
Kazuki Yamada | Dirigent
Lukas Sternath | Klavier
Sergej Rachmaninow
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 g-Moll, op. 40
Lili Boulanger
D’un soir triste
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 6 h-Moll, op. 74, „Pathétique“