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Mit jeder Faser seines Körpers und seiner Seele – Daniil Trifonov

© Dario Acosta
Zusammen mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und Daniel Harding beehrt Daniil Trifonov wieder einmal den Wiener Musikverein. Mit im Gepäck des fabelhaften Pianisten: das Zweite Klavierkonzert des Hausheiligen Johannes Brahms.

Von Stefan Ender

13.02.2026

Mit dem Begriff Ausnahmekünstler sollte man vorsichtig umgehen, wird er doch in inflationärer Weise verwendet. Für Daniil Trifonov trifft diese Bezeichnung in jedem Fall zu. Ob man dem gebürtigen Russen bei einem Klavierabend lauscht, ihn als Solist in einem Orchesterkonzert erlebt oder als Kammermusiker: Es ist immer eine außergewöhnliche, staunen machende Erfahrung wie auch eine enorme seelische Bereicherung. Fast alle Sprachen verbinden die Musik mit dem Begriff des Spiels: Man spielt Klavier, Geige oder ein anderes Instrument. Natürlich ist das spielerische Moment auch bei Trifonov immer präsent. Doch da ist noch mehr: Seine Interpretationen sind stets von einer existenziellen Dringlichkeit durchwirkt. Mit jeder Faser seiner Seele durchlebt der Pianist die Charaktere der Themen und Motive, die er präsentiert, deren harmonische Wendungen und rhythmische Faktur. Und auch mit jeder Faser seines Körpers: Trifonov ist am Ende eines Auftritts meistens klatschnass.
Geboren wurde Daniil Olegowitsch Trifonov 1991 in Nischni Nowgorod – wie übrigens vier Jahre zuvor Igor Levit. Übersiedelte Letzterer mit seiner Familie im Kindesalter nach Deutschland, so zogen Trifonovs Eltern mit ihrem Wunderkind nach Moskau, um ihm dort eine optimale Ausbildung zu ermöglichen. Diese erhielt er bei der legendären Tatjana Zelikman am Gnessin-Institut; 2009 wechselte er in die USA nach Cleveland, wo er bei Sergei Babayan studierte. Die Erfolge bei renommierten Wettbewerben ließen nicht lange auf sich warten: 2010 gewann Trifonov den Dritten Preis beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, und schon ein Jahr später stand er beim Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv und beim Tschaikowskij-Wettbewerb in Moskau ganz oben auf dem Treppchen. Spätestens da war klar: A star is born.

© Dario Acosta
© Dario Acosta

Die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnete Trifonov bald als eines der „unbegreiflichsten Klaviertalente der letzten Jahrzehnte“, der britische Musikjournalist Norman Lebrecht baute auf ihn als einen „Pianisten für den Rest unseres Lebens“. Und tatsächlich beglückt und fesselt Daniil Trifonov sein Publikum bis heute mit einer Fülle an Konzerten und Tonaufnahmen.
Sein Hauptinteresse gilt dabei dem romantischen Repertoire, neben seinem Lieblingskomponisten Alexander Skrjabin natürlich auch dem Schaffen von Chopin, Tschaikowskij und Rachmaninow. Apropos Rachmaninow: Für die Fotos zu seinem CD-Projekt „Destination Rachmaninow. Departure“ ließ man Trifonov in eleganter Aufmachung in einem alten Pullmanwagen ablichten, als Hommage und Erinnerung an den russischen Komponisten, der für seine Konzerttourneen in den USA seinerzeit einen eigenen Eisenbahnwagon (samt Flügel natürlich) an die Schnellzüge anhängen ließ. Einen solchen Aufwand für eine CD-Produktion treiben die darbenden Klassiklabels heutzutage nur noch für ihre allerbesten Künstler.
Nach einem Tonträger mit Werken der Bach-Familie erschien 2024 mit „My American Story – North“ quasi Trifonovs Liebeserklärung an den Kontinent, auf dem er seit einigen Jahren lebt. Neben Klavierkonzerten von George Gershwin und Mason Bates – Letzteres speziell für Trifonov komponiert – beschäftigt sich der vielseitig Interessierte hier auch mit Jazz, Swing und Minimal Music. Werke von Art Tatum, Aaron Copland, John Adams und John Corigliano legen davon Zeugnis ab.
Apropos komponieren: Das ist eine Leidenschaft, die Daniil Trifonov von Kindesbeinen an mit all diesen Künstlern teilt. Sein Klavierkonzert in es-Moll wurde 2014 am Cleveland Institute uraufgeführt, mehrere Werke für Klavier folgten. Einen Liederzyklus für Bariton und Klavier nahm er 2019 in Angriff, nach Gedichten von Vladimir Nabokov, Joseph Brodsky und Arseni Tarkowski. Der Sänger, dessen einzigartige Stimme und Gestaltungskraft er dabei vor Ohren hatte, war Matthias Goerne.
Mit dem deutschen Liedsänger und künstlerischen Kompagnon gastierte Trifonov im November letzten Jahres für einen dreiteiligen Schubert-Zyklus im Musikverein. Im Goldenen Saal wurden die „Winterreise“, „Die schöne Müllerin“ und der „Schwanengesang“ für das begeisterte Publikum zu außergewöhnlichen Erfahrungen in Sachen Intensität und emotionaler Akribie.

Im März ist der 34-Jährige nun erneut im Großen Musikvereinssaal zu erleben, und zwar mit Daniel Harding und dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia aus Rom. Er interpretiert dabei das Zweite Klavierkonzert eines Komponisten, der die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien einst als künstlerischer Direktor prägte: Johannes Brahms. Man könnte den Beginn seines 1881 uraufgeführten Großwerks als ein sanftes Echo auf den prachtvollen Anfang von Tschaikowskijs Erstem Klavierkonzert deuten. Eröffnende Hörner da wie dort, auf die Akkordarbeiten des Solisten folgen – bei Tschaikowskij in festlich-majestätischem Gepräge, bei Brahms in romantischer Versonnenheit. Man darf gespannt sein, wie Trifonov diesen lyrischen Beginn und die darauffolgende Ruptur, die erschreckt auffahrende Bewegung des Solisten gestaltet.
Das Werk ist noch nicht allzu lange in Daniil Trifonovs Repertoire. Zu Silvester 2024 interpretierte er es mit den Berliner Philharmonikern und deren Chefdirigent Kirill Petrenko. Im Gespräch mit dem Solohornisten des Orchesters, Stefan Dohr, sprach der Pianist über die vielen Facetten dieses herausfordernden Werkes, das Aspekte der Symphonie, der Kammermusik und des Solokonzertes in sich vereint. Den ausladenden Kopfsatz sieht Trifonov von einer großen Wärme geprägt. Solist und Orchester tauschen sich auf intensive Art und Weise aus: Meist stellt das Soloklavier eine thematische Idee vor, und das Orchester entwickelt sie weiter. Auf den leidenschaftlichen zweiten Satz folgt im Andante der Dialog mit dem Solocello, für Trifonov ein „magischer Moment“. Der Finalsatz mit seiner tänzerischen Zartheit mache ihm danach so richtig Spaß.
Welches Klavier wählt der begeisterte Bergsteiger Trifonov für Brahms’ romantische Weitwanderung aus? Der ideale Flügel für dieses Konzert müsse kantable Qualitäten besitzen, so Trifonov, aber auch leicht spielbar sein. Bei einem Werk von 50 Minuten Dauer solle man als Solist in einem Orchesterkonzert nicht kämpfen müssen. Im reich bestückten Instrumentendepot der Gesellschaft der Musikfreunde wird sich sicher ein Konzertflügel finden, der diesen Anforderungen entspricht.
Die Akustik des Großen Musikvereinssaals hat der Pianist vor einigen Jahren im persönlichen Gespräch übrigens solcherart beschrieben: „Die Töne bekommen hier eine opake Ummantelung, die tieferen Register klingen warm. Beim Tempo muss man aufpassen und darf nicht bei allen Passagen ans Maximum gehen.“
Eine bessere Balance zwischen Podium und Privatleben wünschte sich Trifonov Ende der 2010er Jahre, als er in einem Halbjahr acht verschiedene Klavierkonzerte interpretierte, Soloabende gab und Kammermusikkonzerte spielte. Das hat sich inzwischen hoffentlich so ergeben: Mittlerweile ist der seit Längerem in New York lebende Künstler verheiratet und seit 2020 auch Vater eines Sohnes. Dass er für Konzerte im Musikverein trotzdem regelmäßig Zeit findet, ist für das Haus und das Wiener Publikum immer wieder eine außergewöhnliche Freude und Ehre.

© Dario Acosta

Dienstag, 17. März 2026

Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma
Daniel Harding | Dirigent
Daniil Trifonov | Klavier

Johannes Brahms
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur, op. 83
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 7 d-Moll, op. 70

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