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Musik als Modell für den Frieden – Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan Orchestra

© Manuel Vaca
In der Februar-Ausgabe der „Musikfreunde“ zeichnete die Journalistin Christiane Peitz die Entwicklung des West-Eastern Divan Orchestra nach, das vor mehr als 25 Jahren von Daniel Barenboim und Edward W. Said ins Leben gerufen worden ist. Schon als Elfjähriger gehörte der Geiger Yamen Saadi zu diesem außergewöhnlichen Projekt, das junge Menschen aus dem Nahen Osten über politische Grenzen hinweg musikalisch verbindet. In Wien hat sich der israelische Palästinenser aus Nazareth mittlerweile als Konzertmeister der Wiener Philharmoniker einen Namen gemacht. Im Rahmen der Gesprächsreihe „Auf ein Glas mit …“ sprach Intendant Stephan Pauly im Jänner 2025 mit ihm über seine prägenden Erfahrungen im West-Eastern Divan Orchestra und die Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim.

Von Stephan Pauly

13.07.2026

Sie wurden in Nazareth geboren und haben eine sehr internationale musikalische Ausbildung durchlaufen. Mit elf Jahren kamen Sie ins West-Eastern Divan Orchestra, mit 17 wurden Sie dort Konzertmeister. Wie haben Sie die Zusammenarbeit im Orchester bisher erlebt?
Was als Experiment begonnen hat, ist für mich inzwischen ein Modell dafür, wie Gesellschaft funktionieren könnte. Menschen, die nicht in allem übereinstimmen, versuchen zusammenzuleben und sich zu verstehen – sogar Empathie für den vermeintlichen Feind zu entwickeln. Musik spielt dabei eine zentrale Rolle, weil sie alle gleich macht. Im Spiel gibt es keine Unterschiede, sondern nur den gemeinsamen Klang – das schafft einen sicheren Raum für alle.

Spiegeln sich aktuelle Konflikte aus der Region im Orchester wider?
Ja, definitiv. Menschen lesen Nachrichten, diskutieren spontan oder in organisierten Gesprächen. Das kann sehr emotional und auch angespannt werden. Aber gleichzeitig kümmern sich die Menschen im Orchester mehr umeinander, rufen sich gegenseitig an und fragen nach dem Befinden. Natürlich gibt es Spaltungen, aber auch viel Einigkeit. Wichtig ist: Die Frage, auf welcher Seite man steht, ist letztlich nicht hilfreich. Das zentrale Problem ist, dass Menschen sterben.

Haben Sie auch Situationen erlebt, in denen kein Dialog mehr möglich ist?
Es gab und gibt immer wieder hitzige Diskussionen. Aber alle wissen, warum sie dort sind: wegen der Idee von Frieden und Musik. Diese gemeinsame Grundlage hält das Ganze zusammen.

Gibt es so etwas wie eine Lehre aus dem Divan-Orchester für den Nahostkonflikt?
Das Orchester zeigt, dass Frieden möglich ist, wenn Menschen wirklich zuhören und verstehen wollen. Entscheidend sind Wille, Gleichheit und gleiche Rechte. Dann kann Frieden entstehen – auch wenn ich nicht weiß, ob das immer und überall realistisch ist.

Welche Rolle spielt Daniel Barenboim für Sie persönlich?
Er ist meine größte Inspiration. Musikalisch und menschlich. Ich habe von ihm gelernt, wie ernsthaft man Musik nehmen muss – selbst kleinste Unterschiede wie Piano und Pianissimo. Diese Genauigkeit lässt Musik lebendig werden.

© Manuel Vaca

Wie oft spielen Sie heute noch im Divan-Orchester?
Immer wieder, weil ich mich den Menschen und der Idee sehr verbunden fühle. Mittlerweile würde ich mich aber eher als Einspringer bezeichnen, gerne auch am letzten Pult.

Können Sie aktuell nach Israel/Palästina reisen?
In der letzten Zeit hat sich das leider nicht ergeben, da ich beruflich im Moment ziemlich eingespannt bin und die Situation in der Region nach wie vor durch große Unsicherheit geprägt ist. Aber ich würde sehr gerne bald wieder hinfahren.

Sie haben vor einiger Zeit ein Friedenskonzert in der Wiener Staatsoper organisiert. Wie kam es dazu?
Es entstand aus dem Gefühl der Hilflosigkeit. Es war ein Aufruf zu Frieden und Waffenstillstand. Viele Musiker haben spontan zugesagt. Es war sehr intensiv und bedeutungsvoll für alle Beteiligten.

Welche Rolle sollten Musiker:innen und Künstler:innen Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft ganz allgemein spielen?
Jeder entscheidet selbst, ob er sich politisch engagieren will. Aber grundsätzlich sollten Musiker für Menschlichkeit stehen. Ein Orchester zeigt ideal, wie Gesellschaft funktionieren könnte: durch Zuhören, Raum geben und Dialog.

Sie sind mittlerweile hauptberuflich Konzertmeister der Wiener Staatsoper und der Wiener Philharmoniker. Im Vergleich zum Divan-Orchester, das ja vorwiegend aus jungen Menschen besteht, spielen bei den Wiener Philharmonikern sehr erfahrene Musiker:innen. War das eine große Umstellung für Sie?
Am Anfang wusste ich kaum, was ich tat. Heute sehe ich: Führung bedeutet nicht diktieren, sondern Teil des Kollektivs sein. Es ist eine große Verantwortung, aber auch erstaunlich einfach, weil man von sehr starken Kollegen getragen wird. Wichtig ist Zuhören und Lernen.

Wie erleben Sie Wien?
Sehr positiv. Ich habe in Berlin, Frankfurt, Kronberg und kurz in Madrid gelebt. Wien fühlt sich für mich wie ein Zuhause an: Architektur, Kultur, Essen, Humor und Kollegen sind großartig. Nur mein Deutsch muss besser werden.

Was haben Sie am meisten von Daniel Barenboim gelernt?
Vor allem die Hingabe an die Musik – und die Ernsthaftigkeit, mit der man jede einzelne musikalische Entscheidung behandeln muss.

Donnerstag, 24. September 2026

West-Eastern Divan Orchestra
Daniel Barenboim
I Dirigent

Franz Schubert
Symphonie Nr. 7 h-Moll, D 759, „Unvollendete“
Richard Wagner
Vorspiel zur Oper „Tristan und Isolde“ und „Isoldes Liebestod“
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 3 Es-Dur, op. 55, „Eroica“

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