Wählen Sie Ihre Cookie-Einstellungen:

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Sie enthalten Informationen über Ihr Surfverhalten, z. B. Login-Daten, Spracheinstellungen oder Warenkörbe. Cookies helfen dabei, Webseiten nutzerfreundlicher zu machen und personalisierte Inhalte oder Werbung anzuzeigen. Sie können in Ihrem Browser verwalten, welche Cookies gespeichert werden dürfen.

Ein Kosmos eigener Art – Christian Thielemann dirigiert Lieder von Strauss

© Amar Mehmedinovic
Mit der Staatskapelle Berlin widmet sich Christian Thielemann derzeit einem Großprojekt, das es in dieser Form bislang noch nicht gab: einer Gesamtaufführung der Orchesterlieder von Richard Strauss. Wiens Musikfreunde dürfen teilhaben an diesem eindrucksvollen Vorhaben – im April mit Sopranistin Julia Kleiter und Bariton Konstantin Krimmel.

Von Detlef Giese

17.03.2026

In München, unweit des Nationaltheaters, wurde er geboren, mit Berlin ist er aber mindestens ebenso eng verbunden wie mit seiner bayerischen Heimatstadt. Richard Strauss hat über lange Zeit das Musikleben an der Spree entscheidend mitgeprägt, als Dirigent wie als Komponist. 1898 wurde er als Kapellmeister an die Hofoper Unter den Linden verpflichtet, über mehrere Jahrzehnte hielt er diesem Haus und seinem Orchester die Treue. Zwar war er durchaus auch anderswo aktiv – etwa in Dresden, wo ein Großteil seiner Opern uraufgeführt wurde, bei den Festspielen in Salzburg und Bayreuth sowie natürlich in Wien –, ein Fixpunkt seiner künstlerischen Aktivitäten blieb jedoch Berlin.

Sein Debüt als Operndirigent im Traditionshaus Unter den Linden hatte der 34-jährige Strauss mit „Tristan und Isolde“ gegeben. Mozart und Wagner sollten in der Folgezeit zu seinen Favoriten werden, hinzu kamen zahlreiche Vorstellungen seiner eigenen Bühnenwerke, die er an der Berliner Hofoper an rund 200 Abenden dirigierte. In den Berliner Jahren, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges reichten und Strauss’ Ernennung zum Generalmusikdirektor 1908 inkludieren, entstanden nach und nach jene Werke, die den Komponisten weltberühmt machten: „Salome“, „Elektra“, „Der Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ sowie „Die Frau ohne Schatten“. Im damals eher konservativen Berlin stießen diese Werke aufgrund ihrer teils provozierenden Sujets und einer zuweilen spürbar „modernen“, avancierten Musik auf so manche Widerstände, setzten sich schließlich aber durch.
Mit Strauss besaß das Wilhelminische Berlin jedenfalls einen Künstler, der als Dirigent wie als Komponist überaus erfolgreich wirkte und der Reichshauptstadt den erhofften Glanz verlieh. Und obwohl er andernorts zahlreiche andere Pläne verfolgte und ambitionierte Vorhaben verwirklichte, ist seine Bindung an Berlin und die Hofoper Unter den Linden allein quantitativ erstaunlich und eindrucksvoll: Mehr als 1.200 Aufführungen hat er hier dirigiert, im Orchestergraben wie auf dem Konzertpodium gleichermaßen, darunter weit über 100 verschiedene Konzertprogramme mit der Preußischen Hofkapelle – die ab 1919 den Namen Staatskapelle Berlin trug –, mit Werken vom Barock bis zur Moderne. Seine reguläre Tätigkeit endete zwar im darauffolgenden Jahr, ab und zu erschien er aber noch bis in die 1930er Jahre hinein am Pult des Orchesters, vornehmlich bei Aufführungen eigener Werke.

Der betagte Strauss hat sich in seinen autobiographischen Erinnerungen „Aus meinen Jugend- und Lehrjahren“ überaus wohlwollend über seine Tätigkeit an der Oper und mit dem Orchester geäußert: „Ich hatte niemals Grund, diese Beziehung zu Berlin zu bereuen; habe eigentlich nur Freude erlebt, Sympathie und Gastlichkeit gefunden. 15 Jahre Sinfoniekonzerte der Kgl. Kapelle waren reine Stunden künstlerischer Arbeit. Die Beziehungen zur Berliner Staatsoper haben alle anderen Wechselfälle […] überdauert.“
Einer von Strauss’ Nachfolgern im Amt des Generalmusikdirektors der Staatsoper Unter den Linden und der Staatskapelle Berlin widmet sich nun einem in seiner Gesamtheit kaum jemals systematisch erschlossenen Repertoirebereich des Komponisten – Christian Thielemann hat es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche Orchesterlieder von Richard Strauss zu dirigieren, ein auf mehrere Jahre angelegtes, nicht gerade leicht zu verwirklichendes Projekt, erfordert es doch den sprichwörtlichen „großen Atem“ und die Mitwirkung einer ganzen Reihe von exzellenten Sängerinnen und Sängern, um den verschiedenen Charakteren und Klangbildern der Lieder gerecht zu werden.

© Amar Mehmedinovic
© Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Insgesamt 42 Einzelstücke gehören zu diesem Werkkorpus, davon 15 original für Orchester komponierte Lieder sowie 27 später instrumentierte Klavierlieder, hinzu kommen noch mehrere von fremder Hand orchestrierte Stücke, die ebenfalls Teil dieses durchaus komplexen Zyklus sein werden. Es ist eine recht heterogene Sammlung von prominenten wie weniger bekannten Kompositionen, mit einer großen stilistischen Bandbreite, analog zu Strauss’ Opern, wie Christian Thielemann betont. Wie in einem Brennspiegel lässt sich anhand seiner Orchesterlieder die künstlerische Entwicklung des Komponisten nachverfolgen und mitvollziehen. Von den frühen Liedkompositionen der mittleren 1880er Jahre bis zu den „Vier letzten Liedern“ der späten 1940er Jahre spannt sich der Bogen, in immenser Fülle und Vielfalt der musikalischen Ausgestaltungen. Jedes dieser Lieder ist anders instrumentiert und von anderer atmosphärischer Tönung bestimmt, von feingesponnener kammermusikalischer Faktur bis hin zu vollen klanglichen Entfaltungen des opulent besetzten und farbenreichen, zugleich aber häufig auch sehr transparent klingenden spätromantischen Orchesters.
Es liegt gewiss eine Herausforderung darin, den richtigen Ton zu treffen, um die individuelle Ausdruckswelt jedes einzelnen Liedes zu erschließen und zu vermitteln, im organischen Zusammenspiel von Wort und Klang, auf das Christian Thielemann besondere Aufmerksamkeit legt – immer mit der Intention, dass Sinn und Bedeutung der Lyrik wie der Musik offenbart werden. „Das Textgefühl, die Sprachbehandlung, das Gespür für Tempi, seine ungeheure melodische Erfindungsgabe“ – das alles sind nach Überzeugung Thielemanns, der zu Recht als einer der bedeutenden Strauss-Dirigenten der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart anerkannt ist, zentrale Qualitäten des Komponisten, die sowohl in den Opern als auch in seinen Liedern zutage treten.

Der Gesang, seit jeher Mittel subjektiven Ausdrucks und zugleich Manifestation des Schönen, ist imstande, mit größtmöglicher Unmittelbarkeit eine Hörerschaft zu berühren. Der aus der romantischen Liedtradition heraus erwachsene und zeit seines Lebens tief verwurzelte Strauss wusste sehr genau um die expressiven Möglichkeiten und Wirkungen seiner Lieder, gerade wenn sie für das vielstimmige, enorm ausdifferenzierte Orchester mit seinen unzähligen klangfarblichen Nuancen gedacht waren.
Eine besondere Raffinesse im Vokalen wie Instrumentalen, die Strauss oft genug zur Anwendung gebracht und in vielfacher Weise in seine Partituren niedergelegt hat, ist für seine Orchesterlieder gleichsam essenziell. Schon die immense kompositionstechnisch-handwerkliche Souveränität dieser Musik ist zu bewundern – bereits in den frühen Stücken ist sie ausgeprägt, in denen der späteren Zeiten ohnehin.

In ihrer Summe bilden die Strauss’schen Orchesterlieder einen Kosmos sehr eigener Art, von hoher ästhetischer Faszination und poetischer Kraft. Mit ihrem Vorhaben einer Gesamtaufführung aller dieser Kompositionen durch Christian Thielemann und die Staatskapelle Berlin wird eine wesentliche, bislang keineswegs vollständig in den Blick genommene Facette des Ausnahmekünstlers Richard Strauss beleuchtet, dessen Opern und Tondichtungen seit Strauss’ eigener Tätigkeit beim Orchester zu dessen Kernrepertoire zählen. Alle Teilhabenden an den Konzerten, die Musikerinnen und Musiker, die Sängerinnen und Sänger, auch der Dirigent, vor allem aber das Publikum, dürfen gespannt sein auf diese gewiss sehr inspirierende Entdeckungsreise.

Samstag, 18. April 2026
Sonntag, 19. April 2026

Staatskapelle Berlin
Christian Thielemann | Dirigent
Julia Kleiter | Sopran
Konstantin Krimmel | Bariton

Richard Strauss
Orchesterlieder

Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 6 F-Dur, op. 68, „Sinfonia pastorale“

Weitere Artikel

0%