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Musik, die über diese Welt hinausreicht

© Fabrice Demessence
Cecilia Bartoli singt Orfeo. Cecilia Bartoli zählt längst zu den Ikonen des Gesangs. Im Dezember kehrt sie als Glucks Orfeo in den Musikverein zurück.

Von Oliver Láng

06.11.2025

Jede Zeit hat ihre Gesangsikonen. Wunderbar raunt uns etwa die ferne Vergangenheit Namen ins Ohr: Malibran. Patti. Senesino. Pasta. Und, selbstverständlich: Farinelli. Sie erzählen von atemberaubender Technik, von Revolution und Charisma, von Virtuosität und endlosem Jubel. Was sie verbindet? Neben ihrer unvergleichlichen Kunst und Popularität vor allem eines: Sie alle gaben der Musikgeschichte einen kleinen Schubs, veränderten das Hören, Verstehen und Erleben für immer. Ach, wäre man dabei gewesen!

Doch was heißt schon Geschichte? Was Vergangenheit? Was „Wäre man doch …“? Es gibt sie in jeder Generation, also auch heute, jene, die nicht nur singen, sondern ihr Genre auf vielfältige Weise weiterbringen. Cecilia Bartoli etwa. Kammersängerin Bartoli. Oder einfach: die Bartoli. Hinter diesem Namen steckt weit mehr als eine bereits legendäre Koloraturentechnik – wer hat nicht über diese spektakuläre vokale Achterbahnfahrt gestaunt und gejubelt? –, mehr als Wohllaut, mehr als Ausdruck und Persönlichkeit. Wenn ihre Stimme mit Georg Friedrich Händels „Ombra mai fu“ durch den Raum schwebt, hebt sie den Gesang in jene Sphäre, die sich der beschreibenden Sprache entzieht. Und bei ihrem einzigartigen „Lascia la spina“: Wem schmilzt da nicht das Herz? Dürfen wir uns so jene Klänge vorstellen, mit denen Orpheus Felsen zu Tränen rührte, wilde Tiere besänftigte und Götterherzen erweichte, wie uns der Mythos versichert? Vielleicht.
Sie selbst jedenfalls lacht über den Vergleich. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals Götter mit meiner Musik gerührt habe!“ Und dann ernster: „Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Musik etwas berührt, das über uns hinausreicht.“

Über-etwas-Hinausreichen: Das ist vielleicht so etwas wie ein Merkmal der Bartoli. Schnell war sie dem entwachsen, was sich das übliche Theater- und Opernbusiness nennt. Auftritte hier und da, Konzerte und szenische Produktionen auf der ganzen Welt – all das gehört natürlich dazu. Aber Bartoli war und ist immer mehr. Sie ist eine Art künstlerische Kreativmaschine, die immer das überbietet, was viele erwarten. Ihre klug komponierten Abende stellt sie in größere, befruchtende Zusammenhänge, wie sie auch jeden gesungenen Ton niemals allein betrachtet, niemals vereinsamen lässt, sondern ihm Sinn und Ziel gibt. Schön ist nicht genug. Virtuos ist nicht genug. Stattdessen pocht hinter jedem Atemzug der Wille, mit Hingabe jede Note ernst zu nehmen und keinen Effekt um des Effektes willen geschehen zu lassen. Wenn also ihre atemberaubenden Koloraturen in der Musik und in der Kehle rasen, dann nur, weil die eben dargestellte Bühnenfigur einen entsprechenden Zustand durchlebt, der sich nur durch diese Art der Musik ausdrücken lässt. Wenn etwas sphärisch leuchtet: dann ist es nur das Spiegelbild eines Seelenzustandes. Die zahllosen Schattierungen: Sie zeigen, wie vielgestaltig das menschliche Wesen ist. Der Ausdruck: Er ist das A und O ihrer Wiedergabe, er macht die Musik vieldimensional, plastisch, sodass der Klang fast körperlich wird.
Zu diesem Ernstnehmen und In-der-Sache-Aufgehen gehört auch die Absicht, alles, wirklich alles mit umfassender Tiefenschärfe zu versehen. Man merkt es etwa an ihren Aufnahmen: Thematisch wie auch in der äußeren Anmutung sind etwa ihre CDs stets durchdacht, nicht einfach nur musikalische Gebrauchsgüter. Man hört sie nicht nur gerne, man nimmt sie auch gerne in die Hand und studiert sie. Verwundert es, dass sie neben ihrer Bühnenkarriere auch Intendantin der Salzburger Pfingstfestspiele sowie Operndirektorin in Monte-Carlo ist? Zweifellos nicht, denn ist das nicht auch nur so etwas wie die logische Folge einer umfassenden Schaffensintensität? Und was soll’s: Hat ihr Tag offenbar doch 72 Stunden!

© Fabrice Demessence

Diesen Willen zum Idealen muss aber auch die Musik bieten, die sie interpretiert. Dass ihr also Christoph Willibald Gluck, der mit seiner Opernreform im 18. Jahrhundert aus starren Strukturen ausbrach und theatrale Wahrhaftigkeit auf der Bühne forderte, besonders am Herzen liegt, ist klar. „Glucks Musik zielt direkt ins Herz. Er befreite die Oper seiner Zeit von ihrer üppigen Verzierung und konzentrierte sich auf die natürliche Wiedergabe des Wortes, auf Wahrheit, Emotion und Klarheit. Deshalb wirken seine Werke auch zweieinhalb Jahrhunderte später noch so modern. In ,Orfeo ed Euridice‘ beispielsweise findet man eine außergewöhnliche Reinheit: einfache Melodielinien, die die Macht haben, die Seele direkt zu berühren. Was mich an Gluck am meisten fasziniert, ist genau diese zeitlose Fähigkeit, nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker und Sänger, die seine Musik aufführen, zu bewegen.“
Wie in Salzburg singt sie auch diesmal weder die Wiener noch die Pariser Fassung des „Orfeo“, sondern eine dritte aus dem Jahr 1769. „In Parma war ,Orfeo ed Euridice‘ ein Akt eines größeren, vierteiligen Spektakels namens ,Le feste d’Apollo‘, das anlässlich einer königlichen Hochzeit aufgeführt wurde. Dafür musste Gluck seine Oper etwas straffen und beispielsweise einige Ballettszenen streichen. Außerdem transponierte Gluck die Titelrolle für den Sopran-Kastraten Giuseppe Millico, eine Stimmlage, die meiner eigenen Stimme sehr gut entspricht“, erzählt Bartoli.

Was aber, wenn bei einer Opernaufführung kein großes Bühnenbild, kein Kostüm zur Verfügung steht – ändert das etwas am Gesang? An der Interpretation? „Wenn man auf der Bühne steht, verleihen Schauspiel und Bewegung eine zusätzliche Dimension. In einer halbszenischen Version wie diesmal konzentriert man sich ausschließlich auf die Musik und suggeriert die Handlung durch einige wenige, wesentliche Bewegungen. Ich finde es weder einfacher noch schwieriger, sondern einfach anders. Ohne aufwendige Kostüme oder Inszenierung besteht die Herausforderung darin, die Emotionen und die Geschichte hauptsächlich durch die Stimme und subtile Bewegungen zu vermitteln. In gewisser Weise kann das sogar noch intensiver sein, weil jede Nuance direkt aus dem Klang kommen muss, und ich denke, das entspricht gut Glucks Bestreben, die Oper auf ihre Essenz zu reduzieren.“
Nuance, Klang, Essenz: Müsste man Bartoli in aller Kürze umschreiben, wären es wohl diese Worte. Oder einfach nur eines: Ikone.

Samstag, 13. Dezember 2025

Les Musiciens du Prince – Monaco
Il Canto di Orfeo
Gianluca Capuano | Dirigent
Cecilia Bartoli | Mezzosopran
Mélissa Petit | Sopran

 

Christoph Willibald Gluck
Orfeo ed Euridice
„Atto d’Orfeo“ aus der Festa teatrale „Le feste d’Apollo“
(Fassung Parma 1769, konzertante Aufführung)

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