Bescheidenes Genie – Martha Argerich
Von Agnes Wolf
16.12.2025
Was schreibt man über eine Künstlerin, über die bereits so vieles gesagt und geschrieben worden ist, und dies fast ausschließlich in positiv konnotierten Superlativen? Wie umgeht man abgenutzte Klischees, Vergleiche mit Naturgewalten und Tiermetaphern wie „Wirbelsturm“ oder „Löwin am Klavier“? Vielleicht gelingt der Versuch mit Blick – oder besser Ohr – auf das Wesentliche: auf die Musik.
Ein Werk, das Martha Argerich schon seit ihrer Kindheit begleitet, ist das Klavierkonzert in a-Moll von Robert Schumann. Es gibt sogar einen frühen Livemitschnitt davon, aufgenommen 1952 im Teatro Colon in Buenos Aires. Wüsste man nicht, dass sie damals erst elf Jahre alt war, würde man eine erwachsene Musikerin vermuten, derart souverän lieferte sie damals bereits ab. Das alte Tonband rauscht und knistert, hinter dem stellenweise verzerrten Klang ist ihre unverwechselbare Persönlichkeit jedoch schon deutlich zu erkennen: der klare und direkte Zugriff, ihre natürliche, frei schwingende Musikalität und ihr Markenzeichen, die etwas nach vorn gelehnten Tempi in schnellen Passagen, die mitreißend wirken, ohne zu „rennen“. Bereits nach dem ersten Satz ertönen Bravorufe und tosender Applaus.
Ihre oft erwähnte Bescheidenheit könnte man angesichts ihres überragenden Könnens mit Koketterie verwechseln, sie wirkt jedoch völlig authentisch: Man merkt, es geht nicht um sie, sondern um
die Sache.
Betrachtet man beim Hören ihrer frühesten Aufnahmen die bekannten Fotos von ihr aus dieser Zeit, im weißen Kleid und mit kurzem, schwarzem Lockenkopf, so stellt sich unweigerlich eine leichte kognitive Dissonanz ein: Wie ist es möglich, dass dieses Kind bereits derart Unglaubliches hervorbringt? Martha Argerichs Vater, von der Familie liebevoll-scherzhaft „Tirano“ genannt, soll sich schon sehr früh sicher gewesen sein, dass seine Tochter ein Genie sei. In den 1940er Jahren eine erstaunliche Bezeichnung für ein junges Mädchen – suchte man doch weibliche Genies in der Geschichtsschreibung lange Zeit vergeblich.
Aber wer oder was ist denn nun ein solches Genie? Früher als eine Art Gottesgeschenk betrachtet, sehen wir den Begriff heute anders und kritischer, wissen wir doch, dass er mit Privilegiertheit zu tun hat, mit Zugang zu Bildung und einem Zusammentreffen verschiedener förderlicher Umstände. Auch Mozart fiel nicht einfach so vom Himmel, sondern hatte das Glück, neben Talent und Interesse auch einen liebevollen Vater zu haben, der zugleich einer der besten Lehrer weit und breit war. Doch sind die genannten Faktoren nur Voraussetzung, keine ausreichende Erklärung für das Besondere, das nur wenige Menschen zu derartigen künstlerischen Höchstleistungen befähigt. Woher kommt das Phänomen, das sogar Atheist:innen gelegentlich als „göttlichen Funken“ bezeichnen? Wie entstehen die Momente im Konzert, in denen man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hört und auch Zuhörer:innen mit weniger Fachkenntnis plötzlich spüren, dass hier gerade etwas ganz Außergewöhnliches passiert?
Dass Martha Argerich über dieses „gewisse Etwas“ verfügt, stellte sie jedenfalls bereits als Elfjährige mit den Eröffnungsakkorden des a-Moll-Konzerts unmittelbar klar.
In späteren Versionen klingt erwartungsgemäß vieles, was in der frühen Liveaufnahme schon angelegt war, noch ausgereifter und differenzierter. Unter den großen, singenden Bögen erlaubt sich die Musikerin größtmögliche Freiheit, die jedoch nie aufgesetzt oder manieriert wirkt, sondern einem natürlichen Redefluss zu folgen scheint. Die nach innen gekehrten musikalischen Gedanken sind nuanciert und farbenreich. Stürmt die Musik vorwärts, liegt die Solistin heute wie damals immer eine Idee vor dem Orchester, wobei ihr die Zügel niemals entgleiten. In einem Interview vergleicht sie diese ihre Eigenart schmunzelnd und sehr treffend mit einer nach rechts geneigten Handschrift.
Dieser „Drive“ und die Beweglichkeit im Phrasieren passen hervorragend zu Schumanns Musik, mit der Martha Argerich sich besonders innig verbunden fühlt. In dem Film „Bloody Daughter“ ihrer Tochter Stéphanie dazu befragt, kann sie diese empfundene Nähe selbst nicht ganz erklären, strahlt aber bei der Feststellung, wie direkt Schumanns Musik zu ihr spricht, übers ganze Gesicht. Überhaupt solle man über Musik nicht so viele Worte verlieren, findet sie, sondern sie lieber anhören. Und sie hat recht: Legt man eine ihrer weiteren Schumann-Einspielungen auf, die „Kreisleriana“, die „Kinderszenen“ oder die „Fantasie“, so klingen diese noch tagelang als Ohrwurm nach.
Vielleicht lassen sich aber doch ein paar Anhaltspunkte für die Seelenverwandtschaft zwischen dem deutschen Romantiker und der argentinischen Pianistin finden: Schumann versuchte seine innere Zerrissenheit und Unruhe mit dem verzweifelten Versuch der Kontrolle, etwa pedantischem Listenschreiben über Lebensalltäglichkeiten, in den Griff zu bekommen. Diese Widersprüche zeigen sich auch in seiner Musik: Das Oszillieren zwischen schwebender Leichtigkeit, inniger Verträumtheit und aufbrausender Leidenschaft kontrastiert mit nahezu erdiger Bodenständigkeit. Die gesamte Palette an menschlichem Erleben und Fühlen scheint hier abgebildet. Auch Martha Argerich wird eine gewisse Unruhe und Impulsivität nachgesagt – ihren angeblich „chaotischen Lebensstil“ könnte man auch als Zeichen besonderer Lebendigkeit verstehen! Auf der anderen Seite hat sie sich schon als kleines Kind selbst einen Perfektionsanspruch auferlegt, der in der Vorstellung gipfelte, bei einem einzigen falsch gespielten Ton müsse sie sofort sterben.

Ob von diesem – zunächst von außen kommenden, aber sehr früh schon verinnerlichten – Druck ihr starkes Lampenfieber herrührt? Wieso leiden überhaupt oft gerade Personen, die es aus der Sicht Außenstehender doch „gar nicht nötig hätten“, unter Auftrittsängsten? Der von Martha Argerich (und umgekehrt sie von ihm) bewunderte Vladimir Horowitz unterbrach deshalb für zehn Jahre seine Konzerttätigkeit. Der Dirigent Carlos Kleiber, von einem Bekannten verwundert gefragt, wovor er sich so ängstige, er habe es doch schließlich immer wunderbar gemacht, erklärte vor einem Konzert kreidebleich, er müsse es schließlich diesmal noch besser machen! Normalsterblichen wird oft heiter geraten, nicht durch überzogenes Perfektionsstreben die eigene psychische Gesundheit zu gefährden. Überhaupt ist Perfektion ein wenig in Verruf geraten. Paradoxerweise erwartet man jedoch von Spitzeninterpret:innen nicht weniger als diese!
Musiker:innen wissen natürlich, dass Perfektion als absolute Größe ohnehin nicht existiert. Die imaginäre Skala ist nach oben offen – man kann immer noch schöner, noch makelloser, noch ausdrucksvoller spielen. Bei Martha Argerich kommt hinzu, dass sie bereits seit vielen Jahrzehnten ein Niveau hält, das staunen lässt. „Sie spielt immer noch genauso großartig wie vor zwanzig Jahren!“, berichten Konzertbesucher:innen der jüngeren Zeit mit leuchtenden Augen.
Die Künstlerin strahlt eine besondere Aufrichtigkeit aus, die nicht nur in ihrem Spiel, sondern auch in Interviews spürbar wird. Sie betreibt keine Imagepflege, sondern beantwortet Fragen ehrlich, manchmal vorsichtig, um nichts Falsches zu sagen. Je geschwätziger ihr Gegenüber, desto ausweichender und zurückhaltender wird sie, allzu absichtsvoll gestellte Suggestivfragen beantwortet sie mit „Ich weiß es nicht“ oder „Nein“. Ihre oft erwähnte Bescheidenheit könnte man angesichts ihres überragenden Könnens mit Koketterie verwechseln, sie wirkt jedoch völlig authentisch: Man merkt, es geht nicht um sie, sondern um die Sache. Die Frage ihrer Tochter, ob ihr die oft gespielten Werke ihres Repertoires nicht langweilig würden, verneint sie entschieden, sie entdecke immer etwas Neues! Was sie viel eher beschäftigt, ist der Anspruch, sich nicht zu wiederholen und frühere Interpretationen aus Gewohnheit zu kopieren, jedoch auch nicht „weniger gut“ zu spielen, einzig aus dem Impuls heraus, es mal anders zu machen.
Auf diesem Niveau geht es natürlich schon lange nicht mehr um falsche Töne, sondern darum, der gefühlten Wahrheit hinter den Chiffren, die der Komponist mit den begrenzten Mitteln der Notenschrift zu Papier gebracht hat, möglichst nahe zu kommen. Vielleicht ist es genau das, was Martha Argerichs Spiel, über ihr unverwechselbares Charisma hinaus, so beglückend macht: Ihre Authentizität und der ehrliche Anspruch, es immer wieder aufs Neue „gut und richtig“ zu machen, ohne sich jemals auf Routine zu verlassen.
Klar, in Relation zu den großen Weltproblemen scheint es völlig egal, ob eine Musikerin abends im Konzert einen Ton so oder ein wenig anders spielt. Aber in diesem einen Moment, auf der Suche nach dem Schönen, das uns Menschen verbindet und uns Hoffnung gibt, darf es sich anfühlen, als wäre dieser eine Ton, diese schön gespielte Phrase das Wichtigste auf der Welt.
Mittwoch, 10. Dezember 2025
Das Konzert muss krankheitsbedingt leider verschoben werden. Derzeit arbeiten wir an einem Ersatztermin, den wir so schnell wie möglich bekanntgeben werden.
Martha Argerich I Klavier
Lahav Shani I Klavier
Wolfgang Amadeus Mozart
Sonate für zwei Klaviere D-Dur, KV 448
Franz Schubert
Fantasie für Klavier zu vier Händen f-Moll, D 940
Sergej Prokofjew
Symphonie Nr. 1 D-Dur, op. 25, „Symphonie classique“ (Fassung für zwei Klaviere)
Maurice Ravel
Ma mère l’oye (Fassung für Klavier zu vier Händen)
La Valse (Fassung für zwei Klaviere)
Mittwoch, 28. Jänner 2026
Chamber Orchestra of Europe
Renaud Capuçon I Dirigent, Violine
Gautier Capuçon I Violoncello
Martha Argerich I Klavier
Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester C-Dur, op. 56, „Tripelkonzert“
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 8 G-Dur, op. 88
Montag, 16. Februar 2026
Martha Argerich I Klavier
Janine Jansen I Violine
Mischa Maisky I Violoncello
Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier und Violine A-Dur, op. 47, „Kreutzer-Sonate”
Sonate für Klavier und Violoncello g-Moll, op. 5/2
Klaviertrio D-Dur, op. 70/1, „Geistertrio“