Beethovens Spazierstock – Das Musikverein Festival 2026
Von Joachim Reiber
13.03.2026
Wien ist auf den Beinen im April – und wie! Der Wien-Marathon bringt wieder Zehntausende zum Rennen, und schon längst sind die Marathon- und Halbmarathonläufe beim Vienna City Marathon am 18. April ausgebucht. Wer nicht läuft, kann gehen. Oder besser noch: Wer läuft, sollte unbedingt auch gehen – und das ins Konzert. Der Musikverein lockt mit einem fantastischen Bewegungsangebot. Vom 17. April bis zum 3. Mai 2026 läuft sein frühlingshaft animiertes Festival, in Gang gesetzt von einem herausragenden Objekt aus den einzigartigen Sammlungen des Hauses: „Beethovens Spazierstock“.
Die Schritte schwingen weit aus bei diesem Festival. Ein reines Beethoven-Fest kann und will es nicht sein – aber natürlich spielt der Eigner des Spazierstocks eine prominente Rolle. Am besagten 18. April zum Beispiel, dem zweiten Tag des Festivals, spielt die Staatskapelle Berlin unter Christian Thielemann die „Pastorale“. Das „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ war dazumal noch nicht mit dem Auspacken von Lauf- und Trekkingschuhen verbunden, aber Spazierstock und Wanderstab waren dabei. Jedenfalls bei Ludwig van Beethoven. Der Hohepriester der Kunst war aus voller Überzeugung auch ein Bewegungsapostel. „Ich hoffe, Ihre Gesundheit gewinnt“, schrieb er einem Freund 1824 aus Baden. „Ich glaube, dass Sie mehr Bewegung zu Fuß machen sollen.“ Er selbst hielt sich mit straffer Lust daran. Dass er „ein sehr guter Fußgänger“ sei und „stundenlange Spaziergänge“ liebe, „besonders durch wilde und romantische Gegenden“, hielt ein Bekannter fest, der mit ihm durchs Helenental wanderte, wenn nicht gar stürmte. Ein anderer erlebte, wie Beethoven dort auf schmaler Promenade, hart vorbei an fein gekleideten Herrschaften, den Frack auszog, ihn auf seinen Spazierstock hängte und bloßarmig drauflosging. Dabei schwang er nicht nur den Stock, sondern auch die ausgelassensten Reden.
Diesen Spazierstock findet man heute in den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Der Musikverein greift nun danach, um mit ihm loszuwandern. „Beethovens Spazierstock“ lädt dazu ein, sich auf den Weg zu machen, wilde Gegenden zu durchstreifen, abenteuerliche Reisen zu unternehmen, neue Räume zu erkunden, sich genüsslich treiben lassen oder auch ein Getriebensein zu durchleben, bei dem ein Wanderstab nur noch symbolisch Halt geben kann.
Doch lassen wir uns nicht hinreißen zu historisch unbedachten Schritten! Ob es exakt dieser Spazierstock war, an dem Beethoven auf der Promenade von Baden den Frack baumeln ließ, wissen wir nicht. Es gibt mehrere Stöcke, von denen gesagt wird, sie seien dem flott gehenden Beethoven dienlich gewesen. Beim Spazierstock in den Sammlungen des Musikvereins ist der Gang der Geschichte allerdings tadellos dokumentiert. Er befand sich nachweislich in Beethovens Hand und kam 1827, wenige Wochen nach Beethovens Tod, bei der Versteigerung seines Nachlasses unter den Hammer. Anna von Gleichenstein erhielt den Zuschlag, die Schwester von Therese Malfatti, zu der sich Beethoven einst so heftig hingezogen fühlte, dass seine Gedanken sogar Richtung Ehe wanderten. 1906 gelangte der kostbare Gehbehelf ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde. Neben wertvollsten Dokumenten seines Schaffens – Autographen, Skizzen, eigenhändig korrigiertem Aufführungsmate-rial – erzählt er als authentisches Objekt von Beethovens Leben. Und damit auch: von seiner Kunst. Beethoven fand bekanntlich viele seiner Ideen im Gehen. „Wenn wir gehen“, sagt Thomas Bernhard, „kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung.“

Auch bei Gustav Mahler war es so, dem Bewegungshungrigen! Mahler erstürmte Gipfel, schwamm im eiskalten See, griff in die Ruder und fuhr Rad. Am Attersee saß er dann in seinem Komponierhäuschen und erlauschte die Bewegung in der Musik. „Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein“, das war seine Idee für den ersten Satz der Dritten Symphonie, die beim Musikverein Festival ebenso prominent platziert ist wie die Neunte, Mahlers letzte vollendete Symphonie, mit der das Festival von den Wiener Philharmonikern unter Simon Rattle eröffnet wird.
„Wanderer, es gibt keine Wege, man muss wandern“: Ein Spruch an der Wand eines Klosters setzte bei Luigi Nono ein Werk in Gang, das ebenfalls sein letztes sein sollte. Bewegung bis zum Schluss. Und mehr noch: Bewegung im Schluss, Bewegung und Wanderschaft als Seinsprinzip. „Nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab“: Schubert darf da nicht fehlen, die „Winterreise“, die in die tiefsten Felsengründe des Lebens führt. Auch sonst übergeht das Festival nicht die dunklen Seiten des Wanderns: erzwungene Lebenswege, Vertreibung aus der Heimat und Gang ins Exil wie bei Erich Wolfgang Korngold und Béla Bartók.
Gern lässt sich dieses Festival im Frühling auch hinaustreiben und stößt die Tore auf. „Eine Brise – Flüchtige Aktion für 111 Radfahrer“ von Mauricio Kagel führt lustvoll vors Haus, zu einer Premiere auf dem Musikvereinsplatz, und auch sonst wartet viel Überraschendes auf alle, die sich mit „Beethovens Spazierstock“ auf den Weg machen. Ausgangspunkte sind alle Säle des Musikvereins, und die Routen führen durch sämtliche Konzertformate des Hauses: Symphonisches, Kammermusik, Wort-Musik-Programme, Kooperationsprojekte mit Wiens Kunstuniversitäten – und selbstverständlich auch wieder Kinder- und Jugendkonzerte. „Beethovens Spazierstock“ verspricht einen Wien-Marathon der kurzweiligsten Art. Machen Sie sich startklar!
Interpret:innen des Festivals
Im Musikverein gibt sich das Who’s who der Musikwelt die Klinke in die Hand, freilich auch zu Festivalzeiten. Zu den prominenten Gästen des Musikverein Festivals 2026 zählen die Staatskapelle Berlin unter Christian Thielemann, die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko und das London Symphony Orchestra unter Sir Antonio Pappano. Bewegende Konzerterlebnisse versprechen auch die heimischen Klangkörper: die Wiener Philharmoniker im Eröffnungskonzert mit Sir Simon Rattle und weiters mit Andris Nelsons, derzeit Fokus-Künstler des Musikvereins, die Wiener Symphoniker mit Giedrė Šlekytė und Santtu-Matias Rouvali sowie im neuen Format „Hör-Bar“ mit ihrem Chefdirigenten Petr Popelka, der Wiener Concert-Verein, das Orchester Wiener Akademie, das Ensemble Kontrapunkte und das Black Page Orchestra. Als Solist:innen finden den Weg in den Musikverein unter anderem die Geigerin Vilde Frang, der Bratschist Antoine Tamestit, der Cellist Gautier Capuçon und die Pianisten Denis Kozhukhin und Kirill Gerstein sowie die Sänger:innen Andrè Schuen, Julia Kleiter, Konstantin Krimmel und Wiebke Lehmkuhl.
Eine Übersicht über alle Festivalkonzerte finden Sie auf musikverein.at/spazierstock