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Relaxen in der Komfortzone – Das neue Format „Auszeit“

© Julia Wesely
Wie klingt die „Auszeit“? Wie sieht er aus, dieser Moment, in dem die Seele wieder Atem holt? Werner Rosenberger hat sich bei der ersten Ausgabe des neuen Musikvereinsformats, das Klassik nah und entspannt präsentieren will, unter das Publikum gemischt – im besonderen Setting eines ruhigen After-Work-Konzerts.

Von Werner Rosenberger

19.01.2026

Ein ungewohntes Bild: Liegestühle am frühen Abend im Gläsernen Saal des Musikvereins. Alternativ dazu zwanglos verteilte Sitzkissen auf dem Boden zum Entspannen oder Ausstrecken. Ein starker Kontrast: Draußen die graue Novemberdämmerung und drinnen ein in zartes blaues Licht getauchter eleganter Veranstaltungsraum, in dem die goldenen Glasflächen eine warme Stimmung erzeugen. Die Bühne steht in der Mitte, alle Besucher:innen sitzen drumherum. Musik im Zentrum der Aufmerksamkeit. Lounge-Ambiente und lockere Atmosphäre signalisieren: Manchmal braucht es kein Flugticket, keinen Sandstrand und keine Fluchtadresse. Manchmal genügen klassische Musik und eine Auszeit vom Stress des Tages und vom Smartphone – der kleine Luxus, sich Zeit zu nehmen und nichts zu müssen.

Denn eine Pause bedeutet nicht Rückzug von der Welt, sondern Hinwendung zu sich selbst. Vielleicht im Park, wo das Laub unter den Schritten raschelt. Oder im Musikverein mit „Musik, die entschleunigt, inspiriert, nachklingt“ beim neuen Veranstaltungsformat „Auszeit“. Werke der Klassik sind dabei in einem angenehmen Umfeld wie Miniaturen der Achtsamkeit zu erleben: reduziert, mitten im Moment und ganz bei sich im Hier und Jetzt. Das Hirn sagt danke, weil es sich in Phasen niedrigen Reizniveaus besonders gut regeneriert. Nicht durch Ablenkung, sondern durch Reduktion. Angesprochen sind dabei auch Menschen, die bisher selten oder nie ein klassisches Konzert besucht haben. Ohne fixe Ticketpreise kann jeder selbst entscheiden, wie viel er geben kann und möchte. Und nach dem Konzert noch Zeit an der Bar verbringen.

Prompt ausverkauft war der erste von sechs Terminen (jeweils wochentags von 18 bis 19 Uhr bei freier Platzwahl im ganzen Saal) mit verschiedenen hochkarätigen Interpreten. Das breite Repertoire von Christian Tetzlaff (Violine) in den Konzertsälen der Welt reicht von der Barock- und Klassikliteratur über Romantik bis hin zur zeitge-
nössischen Musik: „Und Kammermusik spiele ich nur noch mit Leuten, mit denen ich auch hinterher feiern möchte.“ Zum Beispiel immer wieder mit der deutsch-griechischen Pianistin Kiveli Dörken. Beide wollen mit ihren Instrumenten Geschichten erzählen. Das Duo stellt auf dem Podium zunächst im kurzen Talk sein Programm vor: Vier Stücke für Violine und Klavier, op. 17, des tschechischen Spätromantikers Josef Suk (1874–1935), der zudem Antonín Dvořáks Lieblingsschüler und Schwiegersohn war. Und die Sonate für Klavier und Violine Nr. 3 d-Moll,
op. 108, von Johannes Brahms. Leidenschaft und Gefühl spielen bei den beiden in wechselseitiger Wertschätzung verbundenen Komponisten eine große Rolle. „Ich finde so faszinierend, dass die musikalische Sprache, die das Tor zur inneren, emotionalen Welt öffnet, in gewisser Weise universell ist bei uns Menschen“, sagt Dörken, die sich der Klangwelt Suks instinktiv besonders nah fühlt und deshalb seine Werke auch für ihr Debütalbum ausgewählt hat.

Für die Pianistin ist Musik ein direkter Draht zu vergangenen Künstlerpersönlichkeiten: „Die Musik ermöglicht uns einen ganz tiefen, persönlichen Einblick in das Leben und in die Gefühlswelt kreativer Künstler von einst, denen wir natürlich nicht mehr persönlich begegnen können. Aber sie lässt uns auch in eine Zeit und in eine Atmosphäre auf eine Art denken und fühlen und gibt uns Einblicke, wie wir sie vielleicht selbst aus überlieferten Briefen oder Texten nicht bekommen können. Und somit ist dieser Zugang etwas ganz Besonderes.“ Auch Christian Tetzlaff, 1966 geboren in Hamburg, schätzt Komponisten, „die ihre persönlichen Gefühle so offen mitteilen“, und sagt über Brahms’ Dritte Sonate: „Da passieren sehr viele wilde und tiefe und mystische Dinge. Aber im langsamen Satz kommt eine Passage vor, die ich wie ein tröstliches Wiegenlied, wie ein Kinderlied empfinde und sehr gerne spiele.“ Der Geiger schmunzelt beim Nachsatz. „Der Klavierpart hat 97 Seiten, die Noten für die Geige füllen nur 31 Seiten. Ungerecht, aber für mich sehr angenehm.“

© Julia Wesely
© Julia Wesely

Schon nach wenigen Takten entstehen beim Zuhören Bilder im Kopf: Bei Suk fühlt sich „Quasi Ballata“ mit fast „impressionistischen“ Farbtönen wie eine mittelalterliche Erzählung an. Der Satz nach dem „Appassionato“ mit der Bezeichnung „Un poco triste“ beschreibt einen grauen Tag in kongenialer Verbindung von Melancholie und Vitalität, Tiefe und Lebendigkeit. Am Ende konterkariert die „Burleska“ virtuos, brillant und scherzhaft, was vorher im traurigen Satz zu hören war, im Stil eines Perpetuum mobile: beständig in Bewegung, mit technischer Herausforderung vor allem für die Violine.

„Die beste Zeit für eine Auszeit ist, wenn du glaubst, am wenigsten Zeit dafür zu haben“ ist mehr als nur ein Bonmot der Paradoxie. In einer Welt, die ständig summt, blinkt und vibriert, wird der kleine Akt der Entschleunigung zwischendurch geradezu zur stillen Rebellion gegen die ständige Betriebsamkeit. Wir messen Tage in To-do-Listen, Produktivität in Minuten, und selbst die Erholung wird geplant wie ein Projekt. Aber die Seele lässt sich nicht takten. Erholung kann einfach sein: Hinsetzen, abschalten und klassische Musik hören. Doch der Aus-Knopf ist für viele kompliziert versteckt. Auffallend ist der hohe Anteil an jungen Menschen im Publikum beim „Auszeit“-Eröffnungsabend. „Man muss ab und zu abschalten, um wieder einzuschalten“, sagt eine Besucherin, die nach Büroschluss gern spontan vorbeikommt, weil „dazu kein großer Aufwand nötig ist und man sich so leicht etwas Luft verschaffen kann, wenn man im Job durch und durch darauf getrimmt ist zu funktionieren“.

„Einfach neugierig“ ist eine pensionierte Lehrerin, die sich als Abonnentin dem Haus ohnedies schon lange verbunden fühlt. Humor hat schon Igor Strawinsky mit dem Statement „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen“ bewiesen. Und für manche hat die Musik-Auszeit zwischendurch schlicht „meditatives Potenzial“ – ideal für eine kleine Flucht aus dem Alltag, ist irgendwo zu hören mit dem flapsigen Nachsatz: „Man gönnt sich ja sonst nichts.“ Ob der Perspektivwechsel gelingt? Vielleicht ist genau das der eigentliche Sinn der Übung: die Welt wahrzunehmen, ohne ständig involviert zu sein. Die Zeit nicht mit Meeting-Marathon, Mails und Pushnachrichten zu füllen, sondern Raum zu schaffen.

„Nichts tun ist besser, als mit viel Mühe beschäftigt zu sein mit nichts“ ist uns als Weisheit des chinesischen Philosoph Lao Tse überliefert. So gänzlich tiefenentspannt, wird einem bewusst, dass man selten jemanden sagen hört: Ich hab’ gestern damit begonnen, nichts zu tun. Und weil ich damit noch nicht fertig bin, mache ich heute weiter. Öfter begegnen einem Mitmenschen, die sich fühlen „wie ein Gummiringerl“. Dauernd angespannt. Dabei passiert in Wahrheit in selbstverordneten Pausen viel. Gedanken ordnen sich, Träume melden sich zurück, und das Selbst, sonst verdeckt vom Rauschen des Funktionierens, taucht wieder auf.

Gut möglich, dass Nichtstun die anspruchsvollste Tätigkeit der Moderne ist. Am Ende wahrer Pausen kehren wir nicht verändert zurück, nur durchlässiger. Der Blick ist klarer, das Tempo gelassener. Und vielleicht ist das die wahre Kunst der Auszeit: nicht zu entfliehen, sondern zu sich zurückzufinden – ins unbeschwerte Jetzt. Tetzlaffs Wunsch beim Musizieren ist immer, „dass das Publikum dieselbe Begeisterung für die Komposition empfindet wie ich selbst“. Und wann ist für ihn ein Konzert gelungen? „Wenn die Zuhörer die Gefühle des Komponisten nachvollziehen können und die verbindende Kraft der Musik spüren.“

Man muss ab und zu abschalten, um wieder einzuschalten.

Die weiteren Termine:

Montag, 26. Jänner 2026
Fibonacci Quartet

Dienstag, 24. Februar 2026
Lucas & Arthur Jussen I Klaviere

Dienstag, 7. April 2026
Jess Gillam Trio I Saxophon, Klavier, Kontrabass

Dienstag, 19. Mai 2026
Yulianna Avdeeva I Klavier

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