„Warum sollte es nicht klappen?“ Fokus Anne-Sophie Mutter
Von Susanne Zobl
22.03.2026
Die Kamera zoomt das verschmitzte Kindergesicht nah heran. Die 13-jährige Anne-Sophie, Tochter des Zeitungsherausgebers Karl-Wilhelm Mutter aus der baden-württembergischen Wehr, hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Der Reporter fragt höflich: „Stimmt es, dass Sie einmal Geigerin werden wollen?“ Sie bejaht. Der Interviewer legt nach: „Was aber, wenn es nicht klappt? Gibt es einen Plan B?“ Das Kind lächelt verschmitzt und fügt nachdenklich hinzu: „Warum soll es denn nicht klappen?“ Ja, warum denn nicht, wenn man so talentiert ist? Als das Kind aus dem Schwarzwald Herbert von Karajan vorspielt, ist der Maestro begeistert und beschreibt seine Entdeckung so: „Man kann sie nicht als Talent bezeichnen, sie ist einfach ein Genie auf der Geige“ – und öffnet ihr das Tor in die Welt der Klassik. Das „Wunderkind“ rückt in den Fokus. Als man die Geigerin Jahre später in einem Interview für einen deutschen Radiosender darauf anspricht, antwortet sie, inzwischen selbst Mutter von zwei erwachsenen Kindern, ohne den leisesten Anflug von Eitelkeit, dass jedes Kind doch ein Wunder sei. Der Rest ist Musikgeschichte.
„Man kann sie nicht als Talent bezeichnen, sie ist einfach ein Genie auf der Geige“
2026 kann sie 50 Jahre auf der Konzertbühne verbuchen. Aus dem Wunderkind ist längst ein Phänomen geworden. Bände könnte man über Mutters Engagement für junge Talente füllen. Ein Kapitel davon sind „Mutter’s Virtuosi“, junge Musikerinnen und Musiker, mit denen sie auf Tournee geht. Zwei davon, der Cellist Kian Soltani und der Kontrabassist Roman Patkoló, sind Teil des ersten der drei Konzerte ihres Schwerpunkts im Musikverein, bei dem sie Werke von Clara Schumann und Mendelssohn mit Zeitgenössischem von Sebastian Currier und André Previn kombiniert.
Programmierungen wie diese lassen erkennen: Mutter musiziert nicht nur, um ihre Virtuosität zu demonstrieren. Ein schöner Klang ist ihr nie genug. So fasziniert ihr Spiel ungebrochen. Wenn man sie hört, hat man den Eindruck, dass sie ständig auf der Suche nach dem ist, was sich hinter einem Werk verbirgt. So inspiriert sie Komponistinnen und Komponisten aus den verschiedensten Bereichen. Einer der Ersten, die für sie komponierten, war der Meister der polnischen Avantgarde, Krzysztof Penderecki. Als er Mutter, damals noch im Teenageralter, im Konzert mit Karajan hörte, war er von ihrem Spiel fasziniert. Er verfolgte den Werdegang dieser jungen Musikerin. Anfang der 1990er Jahre schuf er dann für sie „Metamorphosen“, sein Zweites Violinkonzert. Für Mutter ging die Uraufführung 1995 in Leipzig mit dem MDR-Sinfonieorchester unter Mariss Jansons weit über das Musizieren hinaus. Dieses Werk habe ihr geholfen, mit dem Verlust ihres Mannes Detlev Wunderlich umzugehen, der seinem Krebsleiden erlag, erklärte sie später. Mit den Wiener Philharmonikern und Lorenzo Viotti am Pult führt sie dieses Konzert im April im Musikverein auf.
Wenn sich Anne-Sophie Mutter für Diversität im Konzertbetrieb einsetzt, kann man sich darauf verlassen, dass sie das nicht macht, weil es einem Trend entspricht oder um die Frauenquote zu erhöhen. Ein Beispiel dafür ist ihre Zusammenarbeit mit der gebürtigen Iranerin Aftab Darvishi. Mutter wollte sich für die Frauen im Iran engagieren. Dann traf sie auf die Musik dieser Komponistin, die den Klang aus ihrer Heimat mit jazzigen Elementen zu verbinden weiß, also wie geschaffen für die Jazz-Liebhaberin Mutter. Sie gab bei Darvishi den Klagegesang für Violine solo „Likoo“ in Auftrag. Eingebettet zwischen Violinkonzerten von Previn und Mozart führt Mutter diesen mit dem Kammerorchester Wien–Berlin im Mai auf.
Wie ein Beispiel für ihren Umgang mit Musik nimmt sich aus, was Mutter in einem Gespräch mit dem Cellisten Jan Vogler in Bezug auf Mozart-Interpretationen sagt: Es gebe nicht nur einen Weg zu einem Werk. Festgelegte, dogmatische Denkweisen seien nicht zielführend – entscheidend sei die Lebendigkeit.