Von der inneren Stimme geleitet – Andris Nelsons
Von Rainer Lepuschitz
19.01.2026
„Ich höre Dvořáks Musik und weiß genau, was er gefühlt hat.“ Für Andris Nelsons ein bezeichnender Satz, der sich auch auf jeden anderen Komponisten in seinem Repertoire beziehen ließe. Er sehe es als vorrangige Aufgabe des Dirigenten, die eigenen inneren Gefühle über die Musik zu transportieren, stellte Nelsons in einem Gespräch mit Musikvereinsintendanten Stephan Pauly fest. Er musiziere mit dem Herzen, bringt es Edwin Barker auf den Punkt, der Solokontrabassist des Boston Symphony Orchestra, das Nelsons seit 2014 als Chefdirigent leitet. „Mut zu tiefen Gefühlen“ attestiert dem lettischen Dirigenten auch der Intendant des Leipziger Gewandhauses, Andreas Schulz. In der deutschen Musikstadt hat Nelsons seit 2018 die traditionsreiche Position des Gewandhauskapellmeisters inne, die vor ihm schon so bedeutende Musiker wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Kurt Masur und Herbert Blomstedt bekleideten.
In der laufenden Saison ist Nelsons im Musikverein neben Konzerten mit den Wiener Philharmonikern auch mehrere Male am Pult des Leipziger Klangkörpers zu erleben, und dabei steht im Frühjahr unter anderem die einst vom Gewandhausorchester uraufgeführte „Frühlingssymphonie“ von Robert Schumann auf dem Programm.
Das Orchester wird mit Nelsons zum Klangkörper im wahren Sinn des Wortes.
An dieser Stelle sei ein Schwenk zu Schumann erlaubt. Der lange in Leipzig lebende und wirkende Komponist und Musikschriftsteller weilte 1838/39 einige Zeit in Wien. In seinem hier komponierten Klavierwerk „Humoreske“ ließ Schumann über insgesamt 24 Takte auch eine von ihm als „innere Stimme“ bezeichnete, zusätzliche Notenzeile mitlaufen. Die Noten sind vom Ausführenden nicht zu spielen, die notierten Töne zeigen aber wie ein Seismograph an, was in und zwischen ihnen liegt. Die innere Stimme ist ein Wegweiser durch die Musik.
Nelsons beschrieb einmal, es sei, als ob viele Stimmen zu ihm sprächen, beschrieb er einmal sein ständig in ihm arbeitendes, musikalisches System in einem Interview, das Astrid Bscher für ein Filmporträt des deutschen Fernsehsenders RBB führte. Man kann sich im Erlebnis der Aufführungen und Aufnahmen mit Nelsons vorstellen, wie sich die musikalischen inneren Stimmen, die zu ihm sprechen, auf die von ihm dirigierte Musik übertragen.
So betrachtet, werden Orchester und Publikum im Februar zu Mitfühlenden der von Nelsons und den Philharmonikern aufgeführten Sechsten Symphonie von Antonín Dvořák mit deren empfindungsvollen Melodien und zündenden Rhythmen, die bei diesem Komponisten immer auch in der böhmischen Volksmusik wurzeln. Ein mitreißendes Beispiel dafür ist der Furiant in dieser Symphonie, jener zwischen geradem und ungeradem Metrum wechselnde, begeisternde Tanz aus Böhmen. Auch in Mozarts „Linzer Symphonie“, die Nelsons und die Philharmoniker in den Februar-Konzerten mit Dvořáks Symphonie kombinieren, gibt es im Trio des dritten Satzes mit einem Ländler einen bodenständigen volksmusikalischen Bezug.
Wie Nelsons in der Musik Mozarts dessen typisches Brio in einer prickelnden Transparenz des Gesamtklangs mit gesanglichen Bögen verbindet, ist exemplarisch für das „musikalische System“ dieses Dirigenten. Sei es die Musik von Beethoven, dessen Symphonien Nelsons mit den Philharmonikern im Musikverein aufgeführt und aufgenommen hat, sei es die Musik von Brahms und Bruckner, dessen Symphonien Nelsons mit dem Gewandhausorchester für CD eingespielt hat, seien es Mahlers Symphonien, dessen Erste und Dritte Nelsons und die Philharmoniker Ende Februar bzw. im Mai im Musikverein aufführen, sei es Musik von Bartók, dessen Drittes Klavierkonzert Nelsons Ende Februar mit Lang Lang und den Philharmonikern zu Gehör bringt, oder sei es die Orchestermusik von Schostakowitsch, dessen Zehnte Symphonie im Mai im Musikverein mit Nelsons und dem Gewandhausorchester erklingt: Immer bekommt bei diesem Dirigenten jede Note und jede Phrase Bedeutung, werden auch vermeintliche Nebenstimmen zu einer Hauptsache im organischen vielstimmigen Gesamtstrom der Musik und wird von Nelsons auch jedem ausklingenden Akkord nachgehorcht, bis er in einer unendlichen Sphäre verklingen kann.
Selbst in größten orchestralen Entladungen tönt die Musik bei Nelsons nie hart oder brutal, sondern ist im vollmundig ausmusizierten Ganzen eingebettet. Den Klang modelliert Nelsons mit den Musiker:innen in all seinen Farben und Schattierungen, bringt ihn ebenso zum Leuchten und Strahlen wie zum sanften Schimmern. Das Orchester wird mit Nelsons zum Klangkörper im wahren Sinn des Wortes.


Nelsons’ Dirigierbewegungen sind viel mehr kreisend und fließend als kantig und zackig. Seine Arme bilden gleichsam jene großen Bögen ab, die er über epische, weite symphonisch-orchestrale Entwicklungen zu spannen vermag. Spannen auch im Sinne von Spannung, die aus der strömenden Summe der stets gut ausgeformten Details aufgebaut wird. Nelsons steigert die Musik, ohne auf die Effekt-Tube zu drücken, zu einer unermesslichen Größe aus sich selbst heraus und führt demgegenüber einzelne Orchestergruppen auf in sich schwingende Pianissimo-Felder. Seine Stabhand gibt dabei immer genau und übersichtlich den jeweiligen Taktschlag vor und bietet durchgängig eine verlässliche Orientierung für die Orchestermitglieder.
In den 1990er Jahren hat Nelsons parallel zu seiner ersten professionellen Musikerstelle als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper Dirigieren in St. Petersburg studiert. Er kommt also wie sein Mentor und großer Lehrmeister Mariss Jansons aus einer exquisiten Kapellmeisterschule. Nebenher studierte er in St. Petersburg übrigens auch noch Gesang. Das ist ein nicht unwesentlicher Aspekt, denn Nelsons ist als Dirigent immer auch vom Gesanglichen geleitet und vermag die Orchester mit seiner musikalischen Intention wie Intuition zum Singen zu bringen. Man hat den Eindruck, er lässt jeden Ton und jeden Akkord bis zum äußersten Rand ausspielen und mit dem folgenden verbinden, sodass das Legato nie unterbrochen wird. Und die inneren Stimmen nie abbrechen …
Um bei den Musiker:innen anzuzeigen, dass sie eine Passage ganz plötzlich in der Dynamik zurücknehmen sollen, geht Nelsons oft in die Hocke und scheint damit aus der Perspektive des Orchesters beinahe hinter dem Partiturpult zu verschwinden. Ein symbolisches Bild, denn die Person Nelsons tritt immer hinter die Musik zurück. Da ist kein Ego, mit dem sich der Dirigent präsentiert. Nicht er will seine Interpretation zeigen, sondern die Konzentration ist auf das musikalische Ergebnis ausgerichtet. Nelsons macht dem Orchester nichts vor, sondern nimmt es immer wieder an den Händen und führt es in große Räume, wo es sich aus dem Geist und der Seele der Musik heraus entfalten kann.
Noch einmal zu Schumann. Der schrieb in einem Brief aus Wien an seine Braut Clara: „Die ganze Woche saß ich am Clavier und componirte und schrieb und lachte und weinte durcheinander; dies findest Du nun Alles schön abgemahlt in meinem Opus 20, d. großen Humoreske.“ Auch im dirigentischen Leben von Andris Nelsons liegen Lachen und Weinen beieinander. So konnte man ihn etwa in einer Probe mit dem WDR-Orchester Köln beobachten, wie er von hingeworfenen Brotkrümeln aufgescheuchte Hühner vormachte, um eine wirbelnde Streicherpassage im Finale von Mahlers Fünfter Symphonie zu veranschaulichen. Die sich vor Lachen schüttelnden Musiker:innen spielten dann die Passage der Pantomine von Nelsons entsprechend. Demgegenüber stellte der Dirigent einmal fest, dass man sich beim Hören von Puccinis Opern nicht für seine Tränen schämen soll, denn es sei einfach unmöglich, von dieser Musik nicht berührt zu werden.
Es war übrigens eine Aufführung von Puccinis „Tosca“ im Jahr 2010, bei der Nelsons am Dirigentenpult der Philharmoniker – in diesem Fall dem Wiener Staatsopernorchester – debütierte, noch bevor er sie im Konzertsaal dirigierte. Als einen der besonderen Vorzüge der Philharmoniker hebt Nelsons auch hervor, dass alle nicht nur im Konzertsaal, sondern auch in der Oper spielen, wo sie permanent auf das Sängerensemble hören, was die Sensibilität im Musizieren und das Aufeinander-Eingehen im musikalischen Prozess noch stärker und variabler mache. Auch hieraus spricht der Sänger im Dirigenten Nelsons, der in dieser Musikvereinssaison einmal auch als Operndirigent zu erleben ist, wenn er mit dem Gewandhausorchester und dem Sänger:innen-Trio Sarah Wegener, Klaus Florian Vogt und Vitalij Kowaljow im Mai den ersten Akt aus Richard Wagners „Die Walküre“ dirigiert.
Wiener Philharmoniker
Andris Nelsons | Dirigent
Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie C-Dur, KV 425, „Linzer“
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 6 D-Dur, op. 60