Alle Jahre wieder. Durch den Advent mit Bach und Händel
Von Thomas Götz
21.11.2025
Kulturveranstalter setzen ganz bewusst auf Abwechslung, und dennoch sind Werke wie Bachs „Weihnachtsoratorium“ und Händels „Messiah“ alle Jahre wieder vorweihnachtliche Konstanten des internationalen Konzertgeschehens, die regelrecht gestürmt werden. Warum erfreut sich im Advent das immer gleiche Programm so großer Beliebtheit?
Die Schönheit der Musik, werden Sie sagen, aber genügt die einfache Antwort, die fast rituelle Wiederkehr des Gleichen zu erklären? Die anhaltende Anziehungskraft hat vielleicht tiefere Ursachen, Gründe, die jenseits von Ästhetik liegen.
Weihnachten und Advent haben ihren Charakter in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Älteren unter uns werden sich noch an die Fülle an Gerüchen, Klängen, Bräuchen und Gefühlen erinnern, die Kinder wie Erwachsene mit dem Fest verbanden. Das Repertoire bewegender Advent- und Weihnachtslieder für den Hausgebrauch, die das Fest in einfachen Worten verständlich machten, schien unendlich groß. Es zu kennen und der nächsten Generation weiterzugeben verstand sich von selbst, auch für Menschen, die sich nicht für besonders fromm hielten. Viele Eltern lasen ihren Kindern die Weihnachtsgeschichte vor. Der Weihnachtsmann war noch das Christkind, und die Freude an Geschenken verband sich ganz natürlich mit der Freude über den Neubeginn für die Menschheit, den diese Geburt den meisten Menschen bedeutet hat. Für die Musikfreunde unter ihnen fügten sich das „Weihnachtsoratorium“ und der „Messiah“ also nahtlos in die familiäre Feierkultur ein, als hochkulturelle Ergänzung und Überhöhung eines Fests, dessen Wurzeln als bekannt vorausgesetzt werden konnten.
Wer heute im Advent durch die festlich erleuchtete Stadt zum Musikverein pilgert, um dort das gewohnte Ritual wieder aufleben zu lassen, durchquert eine veränderte Welt. An den Wänden von Kaufhäusern seilen sich Weihnachtsmänner ab, Rentiere mit roten Nasen schmücken die Auslagen, aus Lautsprechern schallt der Traum von weißen Weihnachten in die schneefreie Stadt. Der Anlass des Trubels, der jedes Jahr mehr zur Gesamtbilanz des Handels beitragen muss, verblasst hinter den Resten von Ritualen, die ihren religiösen Ursprung kaum noch verraten.
„Jauchzet, frohlocket“, schleudert der Chor dem Publikum entgegen, ehe noch die Geschichte von der Geburt im Stall von Bethlehem erzählt ist; Zurufe, die aus dem Wortschatz der Zuhörerschaft fast verschwunden sind. Wann haben SIe zuletzt gejauchzt, ja frohlockt?

Wer sich auf das „Weihnachtsoratorium“ einlässt, bekommt in hochkonzentrierter Dosierung zu hören, was das Fest einst zum Fest gemacht hatte. „Jauchzet, frohlocket“, schleudert der Chor dem Publikum entgegen, ehe noch die Geschichte von der Geburt im Stall von Bethlehem erzählt ist; Zurufe, die aus dem Wortschatz der Zuhörerschaft fast verschwunden sind. Wann haben Sie zuletzt gejauchzt, ja frohlockt? Man freut sich bescheiden und meidet hochfliegende Gefühle, als wären die oberen Stimmungsregister der Seele abgestumpft. Routinierte Skepsis warnt uns vor allzu großer Hoffnung auf einen Neubeginn des eigenen Lebens oder gar der ganzen Schöpfung, wie sie die Oratorien verheißen. Wie also jauchzen und frohlocken?
In der Gestalt eines naiven Gedichtchens formuliert der Chor in der ersten der sechs Kantaten von Bachs „Weihnachtsoratorium“ den provokanten Kern der Evangelien: „Er ist auf Erden kommen arm, / dass er unser sich erbarm, / und in dem Himmel mache reich, / und seinen lieben Engeln gleich.“ Das Verachtete wird am Ende der Geschichte groß sein. „Schaut hin, dort liegt im finstern Stall / des Herrschaft gehet überall! / Da Speise vormals sucht’ ein Rind, / da ruhet itzt der Jungfrau’n Kind.“ Und wer es noch nicht verstanden hat, dem ruft es Bach noch deutlicher ins Gedächtnis zurück: „Der die ganze Welt erhält, / ihre Pracht und Zier erschaffen, / muss in harten Krippen schlafen.“ Die Umkehr der gewohnten Verhältnisse.
Der Messias ist kein König herkömmlicher Art, auch wenn Bachs Fanfaren von Macht künden. „Dass dies schwache Knäbelein / soll unser Trost und Freude sein, / dazu den Satan zwingen / und letztlich Friede bringen!“, verkündet der Chor in schlichten Reimen. „Seither kommt das Heil aus der Hinfälligkeit“, schreibt der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz in seinem Buch „Das Wissen der Religion“. Bolz nennt diese Umkehr der Rangordnungen den „großartigsten semantischen Coup der Weltgeschichte“.
Händel kommt ganz ohne deutende Worte aus, wie sie Bach zwischen die Weihnachtserzählung des Evangelisten streut. Sein „Messiah“ reiht unkommentiert Bibelstellen aneinander, deren Deutung uns überlassen bleibt. Händels Librettist Charles Jennens stellt die Ankündigung der Ankunft des rettenden Messias im Alten Testament deren Erfüllung im Neuen Testament gegenüber: „He was despised and rejected of men, a man of sorrows and acquainted with grief – er war verachtet, von den Menschen gemieden, ein Mann von Schmerzen, leiderfahren“, zitiert Jennens den Propheten Jesaja. Wie sollten die Evangelisten dessen „Gottesknechtslieder“ nicht auf den Gekreuzigten beziehen? Sie nennen ihn Christus, „der Gesalbte“ auf Deutsch, hebräisch „Messias“. Mit den Worten des Apostels Paulus singen Alt und Tenor, was Christen aus dem Tod und der Auferstehung des „Schmerzensmannes“ ableiten: „Oh death, where is thy sting? – Oh Tod, wo ist dein Stachel?“ Triumphal schließt das Werk mit der Geschichtsdeutung der Apokalypse des Johannes, die noch einmal in einem eindringlichen Bild die Umkehr der Machtpyramide am Ende der Zeiten verkündet: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward … Amen.“
Beide Werke verkünden die Umkehr der gängigen Logik, die dem Stärkeren den Sieg zuspricht. Die beiden Oratorien, die auch heuer wieder die Mitte des weihnachtlichen Konzertreigens im Musikverein bilden, stehen quer zu dieser Alltagserfahrung, sie sprechen die kühne Hoffnung auf Rettung aus. Wer kann sich damit nicht identifizieren? Händel und Bach gestatten uns, an die große Erzählung des Christentums und des Abendlands anzudocken, ohne gleich ein Bekenntnis ablegen zu müssen. Wer mit der expliziten Botschaft von Weihnachten nichts zu tun haben will, dem bleibt der wortlose Trost der Musik. Wer hingegen für glaubwürdig hält, was hier gesungen wird, der geht bestärkt aus dem Saal. Auf dem Heimweg, der unweigerlich an Rentieren und Weihnachtsmännern vorbeiführen wird, schwingt vielleicht etwas nach von dem Trost, der in der musikalisch verdichteten Überlieferung von der Erhöhung des Niedrigen zu finden war und ist.
Samstag, 13. Dezember 2025
Sonntag, 14. Dezember 2025
Concentus Musicus Wien
Arnold Schoenberg Chor
Stefan Gottfried I Dirigent
Emőke Baráth I Sopran
Olivia Vermeulen I Alt
Werner Güra I Tenor
Manuel Walser I Bass
Johann Sebastian Bach
Nun komm, der Heiden Heiland. Kantate, BWV 61
Wachet! betet! betet! wachet! Kantate, BWV 70a
Weihnachtsoratorium, BWV 248 (Kantaten 1 und 2)
Samstag, 20. Dezember 2025
Lautten Compagney Berlin
Arnold Schoenberg Chor
Erwin Ortner I Dirigent
Soraya Mafi I Sopran
Anita Monserrat I Alt
Benjamin Hulett I Tenor
Florian Boesch I Bass
Georg Friedrich Händel
Messiah. Oratorium, HWV 56